„Wir sitzen auf einer Bombe“

Der Damm einer Giftmülldeponie in Ungarn ist geborsten. Mindestens sieben Menschen sind tot, ein Landstrich ist verseucht. Doch die Politik lässt die Opfer im Stich.

Siehe auch „Im Glashaus”

Das Schlimmste ist die bohrende Ungewissheit. „Wie es weitergehen soll? Ich habe keine Ahnung!“, sagt ein junger Mann aus Kolontar. „Es wird immer nur angekündigt, dass es eine Ankündigung geben wird.“ In der Morgendämmerung hat der Katastrophenschutz den 750-Seelen-Ort nordwestlich des Plattensees am Samstag erneut evakuiert. Knapp eine Woche nach der Giftschlammkatastrophe in Ungarn wächst die Angst vor einem zweiten Dammbruch an der Bauxitdeponie in Ajka. „Wir sitzen auf einer Bombe, die noch gar nicht explodiert ist“, warnte Karoly Tili, der Bürgermeister von Kolontar, schon vor Tagen. Nun sagt Ministerpräsident Viktor Orban: „Gut möglich, dass das bald passiert.“ In dem Erdwall hätten sich weitere Risse gezeigt. Doch zugleich beschwichtigt der Premier, wie er das seit dem Unglück immer wieder tut: „Die Menschen hier sind traurig, aber nicht in Panik.“

In den Ohren der Betroffenen klingt das wie Hohn. Sieben Todesopfer hat die Schlammkatastrophe bereits gefordert. „Natürlich habe ich Angst“, sagt die 79-jährige Maria Györy aus Devecser. Auch ihre Heimatstadt, in der rund 5000 Menschen leben, würde eine zweite, noch gewaltigere Überflutung mit der roten Giftbrühe kaum überleben. In Ajka droht die gesamte Nordwand des Bauxitbeckens zu bersten. Hunderttausende Kubikmeter Giftschlick würden sich über Kolontar, Devecser und den gesamten Landstrich ergießen. Doch Györy und ihr Mann wollen „bis zum letzten Augenblick ausharren“ – koste es, was es wolle. „Wenn eine zweite Lawine über uns hinwegrollt, stelle ich mich auf meinen Küchentisch und warte“, sagt die alte Frau. „Vielleicht reicht der Schlamm ja nicht so hoch.“ Ihr Sohn dränge sie zwar, zu ihm an den rund 50 Kilometer entfernten Plattensee zu kommen. Aber sie habe ihr ganzes Leben in Devecser verbracht. „Da geht man nicht weg.“

Inzwischen haben die Helfer mit dem Bau eines Auffangdamms begonnen. Doch selbst wenn die Katastrophe nach der Katastrophe ausbleiben sollte, dürfte die Region nordwestlich des Plattensees „auf Monate, wenn nicht Jahre hinaus verseucht sein“. So sagt es der österreichische Greenpeace-Sprecher Steffen Nichtemeier im Gespräch mit der „Berliner Zeitung“. Die Umweltschutzorganisation hatte unabhängige Laboruntersuchungen in Auftrag gegeben. Die Analysen haben gezeigt, dass der rötlich-braune Morast, der die einst fruchtbaren Böden um Kolontar überzieht, Schwermetalle wie Arsen, Cadmium und Quecksilber enthält. Bislang haben die Menschen hier vor allem Weizen und Mais angebaut. Aber auch Wein wächst westlich von Devecser. Nun gleicht die Landschaft einer Marswüste.

In ihrer Verzweiflung machen die Opfer ihrer Enttäuschung auch vor den Kameras der internationalen Fernsehteams Luft. „Orban ist gekommen und hat uns neue Häuser versprochen“, sagt ein Mann und fragt: „Aber wann und wo werden die gebaut?“ Die Empörung über die Salamitaktik der Verantwortlichen wächst. Nur scheibchenweise kommt die Wahrheit ans Licht. Und nur Stück für Stück wird den Betroffenen Hilfe in Aussicht gestellt. Kurz nach der Katastrophe wollte der Aluminiumhersteller MAL, der die Unglückshütte in Ajka betreibt, die Opfer mit einer Mini-Entschädigung von 400 Euro abspeisen. Zwei der reichsten Ungarn stehen hinter dem schlecht versicherten Konzern. Sie weisen alle Schuld an der Schlammkatastrophe von sich. Am Wochenende präsentierte die Umweltorganisation WWF allerdings Luftaufnahmen von der MAL-Deponie aus dem Sommer, die erste Risse im später geborstenen Damm zeigen.

Ungarische Kommentatoren prangern seit Tagen den „Zynismus der Mächtigen“ an. Die Kritik richtet sich auch an „die politische Kaste“, die es jahrzehntelang versäumt habe, die Sicherheitsstandards bei der Abfallentsorgung zu erhöhen. Orban weist dies weit von sich. Inzwischen wittert der Rechtspopulist, der am 1. Januar 2011 die EU-Ratspräsidentschaft übernimmt, allerdings Gefahr für sein Image als Retter der Nation. Im April hatten ihn die Ungarn mit einer Zweidrittelmehrheit ins Amt gewählt. Das Land taumelt seit der Weltfinanzkrise am wirtschaftlichen Abgrund entlang. Die Arbeitslosigkeit ist innerhalb von nur zwei Jahren von 5,8 auf 12,5 Prozent in die Höhe geschnellt. Orban jedoch stoppte die Verhandlungen mit der EU und dem Internationalen Währungsfonds über weitere Kredithilfen. Ungarn sei stark genug, sich selbst aus dem Sumpf zu ziehen. Nun watet der Premier durch den roten Schlick von Kolontar.

Orban macht dort keine gute Figur. Immerhin hat die Regierung am Wochenende einen Hilfsfonds für die Betroffenen eingerichtet. „Niemand wird ohne Beistand bleiben“, behauptet der Ministerpräsident. Nur zögerlich lässt Orban Unterstützung aus dem Ausland zu. Ein einziger EU-Koordinator ist bislang im Land. Eine spektakuläre Hilfsaktion ist das Letzte, was der starke Mann in Budapest brauchen kann. Angesichts der Machtlosigkeit und der Erschöpfung der Menschen in Kolontar und Umgebung könnte die Strategie aufgehen. Die 79-jährige Maria Györy aus Deverscen, die sich vor dem Schlamm auf den Küchentisch retten will, sagt nur: „Ich bin müde, ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen.“

Erschienen in „Stuttgarter Nachrichten” (11. Oktober)

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