EM-Gastgeber Polen steuert auf den Stau-GAU zu

Wer regelmäßig auf polnischen Straßen unterwegs ist, kennt den Dauerstau. Europas Fußball-Fans werden ihn kennenlernen.

Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt: In Polen freuten sich die Fußball-Fans gestern über das „Go“ für die vier EM-Stadien des Landes. UEFA-Chef Michel Platini hatte den Planungen des Ko-Gastgebers der Euro 2012 am Sonntag seinen Segen erteilt. Spielstätten sind Warschau, Danzig, Breslau und Posen. Hinzu kommen die vier ukrainischen Stadien im Endspielort Kiew, in Donezk, Lemberg und Charkow. Nach den langen Querelen um die schleppenden Baufortschritte brach bei den Gastgebern Jubel aus – um wenig später ins Gegenteil umzuschlagen. „Zum Stau verurteilt“, titelte die Zeitung „Gazeta Wyborcza“ gestern. Das klang nach Todesstrafe.

Keine Frage: Die Aussichten für Fans aus dem In- und Ausland, die in zwei Jahren mit dem Auto zu den EM-Spielen anreisen wollen, sind ähnlich düster wie die Perspektiven der polnischen Nationalmannschaft. Die befindet sich bekanntlich in einer Dauerkrise. Ähnlich beim Autobahnbau: In den 20 Jahren seit der Wende ist es Polen nicht gelungen, ein funktionsfähiges Straßennetz zu entwickeln, das mit dem rasant steigenden Verkehrsaufkommen auch nur ansatzweise Schritt halten könnte. Während in vergleichbaren westlichen Ländern wie Frankreich, Schweden oder Spanien zwischen 17 und 27 Autobahnkilometer auf 100.000 Einwohner kommen, ist es in Polen ein einziger. Wer in die Hauptstadt Warschau unterwegs ist, muss mit zweispurigen Straßen vorlieb nehmen und an normalen Tagen staubedingt mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 40-50 Stundenkilometern rechnen.

Ursprünglich sollte die Euro 2012 die Wende zum Besseren bringen. Doch nun kommt zu dem Fußballfest alles noch schlimmer. Gestern teilte die Regierung in Warschau mit, dass sie die Finanzmittel für den Autobahn-Neubau im kommenden Jahr um fast zwei Milliarden Euro kürzen werde. Als Grund nannte das Verkehrsministerium die notwendige Ausbesserung von Schäden, die der lange Winter und die Flutkatastrophen des Sommers angerichtet hätten. Kritiker halten dem entgegen, dass eine schlüssige Straßenbau-Planung mit derartigen Rückschlägen rechnen müsse.

Fest steht schon jetzt, dass die wichtige Nord-Süd-Magistrale A1, die unter anderem die Fahrzeit zwischen den EM-Städten Danzig und Warschau von über fünf auf drei Stunden verkürzen soll, bis 2012 nicht fertig wird. Fans, die sich deshalb überlegen, auf den Zug umzusteigen, seien jedoch gewarnt. Erst kürzlich berichteten polnische Medien, dass die Bahnfahrt zwischen den beiden Metropolen heute etwa so lange dauert wie vor dem Zweiten Weltkrieg: sieben Stunden.

Erschienen in „Flensburger Tageblatt” (6. Oktober)

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