Zum Gespräch beim Holocaust-Leugner

Der britische Hitler-Bewunderer David Irving ist in Polen eingetroffen. Er will dort die „legendären NS-Sehenswürdigkeiten“ besuchen. Vorher empfängt er mich zum Gespräch.

Die einen wähnen ihn in Krakau, andere verlegen seinen Standort gleich direkt nach Auschwitz: Schon zu Beginn seiner umstrittenen Polen-Reise sorgt Holocaust-Leugner David Irving gestern für medialen Wirbel. Der britische Publizist ist mit einer „Touristengruppe“ unterwegs, die er „zu den legendären NS-Sehenswürdigkeiten des Zweiten Weltkriegs führen“ will. Auf dem Programm stehen ein Besuch im ehemaligen Hitler-Hauptquartier „Wolfsschanze“ sowie ein Abstecher in das Vernichtungslager Treblinka. Die Nazis ermordeten dort mehr als 800000 Juden. Weil Irving inkognito reist, reißen die Mutmaßungen über seinen Aufenthaltsort gestern zunächst nicht ab. Dieser Zeitung sagt der Geschichtsrevisionist schließlich am Telefon: „Ich bin in Warschau“ – und erklärt sich zu einem persönlichen Gespräch bereit.

Unbeobachtet bleibt das Treffen nicht. Die polnischen Ermittlungsbehörden haben Irving fest im Visier. Dem Vernehmen nach ist der Inlandsgeheimdienst auf den Briten angesetzt. „Wir lassen ihn nicht aus den Augen“, versichert Staatsanwalt Marcin Golebiewicz auf Anfrage. Der Ankläger ist dem Institut für Nationales Gedenken (IPN) in Warschau zugeordnet, dessen Aufgabe unter anderem die Dokumentation der nationalsozialistischen Untaten in Polen ist. Die IPN-Staatsanwälte verfolgen „Verbrechen gegen das polnische Volk“. Die Leugnung des Holocaust, die in Polen mit bis zu drei Jahren Haft bestraft wird, fällt in seinen Zuständigkeitsbereich.

Irving ist berühmt-berüchtigt für seine Hitler-Verehrung. Die Verbrechen der Nazis hat er immer wieder bestritten oder relativiert. 2006 verurteilte ihn ein österreichisches Gericht zu drei Jahren Gefängnis. Der Autor von mehreren Dutzend Büchern über den Zweiten Weltkrieg hatte bei einer Vorlesung in Wien behauptet, die Polen hätten die Gaskammern in Auschwitz erst nach der Befreiung des Lagers errichtet. Der „Führer“ persönlich, das betont Irving auch im persönlichen Gespräch wieder, habe vom Völkermord an den Juden nichts gewusst.

Seit Wochen protestieren Anti-Rassismus-Organisationen gegen die makabere Rundfahrt. Der polnische Verein „Nie wieder!“ und die britische Gruppe „Searchlight“ werfen Irving vor, die Reise für Neonazis und Holocaust-Leugner arrangiert zu haben. Dafür spricht manches. Irving nennt die „Touristen“, die mehr als 1500 Euro für die einwöchige Fahrt hinblättern, „meine Leser“. Den Zusammenhang zu Irvings publizistischem Werk stellt auch die Warschauer Organisation „Offene Republik“ her. Sie hat nach eigenen Angaben Strafanzeige gegen den Briten gestellt. In dem Schreiben, das dieser Zeitung vorliegt, beziehen sich die Verfasser auf die Veröffentlichung der polnischen Ausgabe des Irving-Buches „Hitlers Krieg“. Darin habe er seine bekannten verleumderischen Thesen im Land verbreitet. „Wir wollen die Öffentlichkeit aufrütteln“, sagt Anna Kwiecien, die Sprecherin der Gruppe. Staatsanwalt Golebiewicz dementiert jedoch, dass es einen entsprechenden Strafantrag gebe.

Was aber will Irving mit seiner Reise erreichen? Geht es ihm um den Skandal, wie der Sprecher der Gedenkstätte Auschwitz Birkenau, Bartosz Bartyzel, behauptet? „Es macht mir Spaß“, antwortet Irving auf die Frage nach seiner Motivation, „Spaß, meinen Lesern die historischen Stätten zu zeigen“. Ob die Reisegruppe auch Auschwitz ansteuern wird, lässt Irving offen. Der Ort ist ihm suspekt. Die Polen hätten die Gedenkstätte in eine „Gelddruckmaschine“ umfunktioniert. „Mich regt es auf, dass dort Hot Dogs verkauft werden.“

Die passende Antwort gibt schließlich Wladyslaw Bartoszewski. Der 88-jährige Auschwitz-Überlebende, der die Regierung in Warschau in Fragen des polnisch-deutschen und des polnisch-jüdischen Verhältnisses berät, sagt: „Die Staatsmacht ist sich vollkommen bewusst, wer David Irving ist, welche Ansichten er vertritt und was er mit seiner Reise erreichen will. Auf seinen Versuch, die historischen Fakten zu negieren, kann ich nur antworten: Wir (Auschwitz-Überlebende) kennen die Wahrheit.“

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