Kreuzgang 2: Auf dem Weg in eine neue Welt

Der polnische Präsident hat den seit Monaten andauernden Streit um das Kaczynski-Kreuz kurzerhand beenden lassen. Vier Uniformierte verfrachteten das hölzerne Mahnmal in eine Kapelle des Präsidialpalastes. Die Verteidiger des Kreuzes lassen von ihrem Protest nicht ab. Teil 2 meiner Reportagereihe „Kreuzgang”.

„Die Engel haben das Kreuz geholt, jetzt ist es im Himmel”, frotzelt ein dicker Mittfünfziger mit grauem Rauschebart. Er freut sich, dass das „unwürdige Schauspiel” ein Ende hat. Für mich ist es, offen gestanden, etwas schade. Die leicht debilen Gestalten, die seit der Katastrophe von Smolensk vor dem Präsidentenpalast Mahnwache halten, geben ein wunderbares Objekt der Berichterstattung ab. Und die Kreuzgegner natürlich auch. Am Tag, als das Kreuz in den Präsidialhimmel entschwand, stimmen sie die Melodie des Gassenhauers „Guantanamera” an und singen: „Geht doch nach Hause!” Sie tönen so laut, dass nicht einmal Politprofi Jaroslaw Kaczynski weiterweiß und den Versuch, per Megafon eine Ansprache zu halten, abbricht.

„Was ist passiert?”, frage ich als Erstes einen der Organisatoren der Kreuzverteidigung. „Um 8 Uhr morgens”, sagt Dariusz Wernicki ganz sachlich, „sind vier Uniformierte vor dem Palast erschienen, haben das Kreuz genommen und sind verschwunden.” Als ich in der Krakauer Vorstadt, auf Warschaus Prachtboulevard, eintreffe, ist die Stadtreinigung bereits dabei, die Kampfspuren des Kreuzzuges zu beseitigen. Mit Kärcherdüsen, unter Hochhdruck sozusagen. Die Verteidiger rufen etwas von „politischer Säuberung”, andere scharen sich zum Gebet. Wernicki ist der Einzige weit und breit, der Ruhe ausstrahlt. Aber mit Worten provoziert auch er: „Die Arroganz der Macht hat gesiegt”, sagt er. Drei Tage später haben seine Mitstreiter bereits wieder ein Dutzend Holzkreuze vor dem Palast platziert. Sie werden so schnell nicht ablassen von ihrem Protest.

Die Mehrheit der Polen schert das wenig. Am Abend jenes Tages, als das Kreuz verschwand, prügeln sich zwar Dutzende Fotografen und Kameraleute um die besten Bilder vom Geschehen in der Krakauer Vorstadt. Aber die meisten Warschauer und Gäste der Hauptstadt ficht das nicht an. Sie halten kurz inne, um sich den Trubel anzuschauen, und flanieren dann weiter in die Altstadt. Oder in die andere Richtung, in die Einkaufsstraße „Nowy Swiat”. Das heißt zu Deutsch „Neue Welt”. Und diese neue Welt ist der polnischen Wirklichkeit viel näher als das Ringen der verwirrten Kreuzkämpfer. Die meisten Menschen interessieren sich weit mehr für die Steuerpläne der Regierung als für den Streit der Ideologen. Amen.

Siehe auch: Tages-Anzeiger17-09-10

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