Kaczynski-Tod: War Tusk schuld?

Der Absturz der polnischen Präsidentenmaschine gibt weiter Rätsel auf.
Nötigte Staatschef Kaczynski die Piloten zur Landung? Oder war es gar
ein Attentat? Der Bruder des toten Präsidenten, Jaroslaw Kaczynski, gibt
der polnischen Regierung die Schuld an der Tragödie.

Jaroslaw Kaczynski kann den Tod seines Bruders nicht verwinden. Verzweifelt sucht er Schuldige für den Absturz der polnischen Präsidentenmaschine am 10. April im russischen Smolensk. Damals starben Staatschef Lech Kaczynski und 95 weitere hochrangige Repräsentanten des Landes. Am Freitag schreckte Jaroslaw Kaczynski nicht einmal davor zurück, seine politischen Gegner für die Tragödie verantwortlich zu machen. „Regierungschef Donald Tusk und Präsident Bronislaw Komorowski tragen moralische und politische Schuld.“ Bei der Vorbereitung des Unglücksflugs seien „zahlreiche Fehler“ gemacht worden. Auch ein Attentat schließt Kaczynski nicht aus. „Und wer weiß“, fragte er kürzlich, „ob unser heutiger Präsident (Komorowski) nicht darin verwickelt war?“

Mit dem Ermittlungsstand lassen sich die Verschwörungstheorien kaum in Einklang bringen. Allerdings liegt fünf Monate nach der Katastrophe von Smolensk noch immer ein Schleier des Ungewissen über den Ereignissen des 10. April. In dieser Woche trafen in Warschau per Diplomatenpost acht dicke Pakete mit Akten ein. Die russischen Behörden haben sie für die polnische Staatsanwaltschaft freigegeben. Darin enthalten sind die Berichte über Tests am Flugsimulator. Sie lassen nur einen Schluss zu: Die Piloten konnten den Crash im dichten Nebel von Smolensk nicht verhindern. Sie steuerten die Landebahn im Blindflug an und mussten sich auf unpräzise Radarangaben verlassen. „Als sie den Boden in 20 Meter Höhe sehen konnten, war es zu spät zum Durchstarten“, erklärte Edmund Kilch von der polnischen Luftaufsicht, der bei den Tests anwesend war.

Offen bleibt die entscheidende Frage: Warum wagte Kapitän Arkadiusz Protasiuk den Landeanflug? Hat der erfahrene Pilot die Situation falsch eingeschätzt? Nötigte Präsident Kaczynski, der seinen Staatsbesuch gefährdet sah, die Besatzung? Oder versorgte der russische Geheimdienst das Cockpit der Tupolew mit falschen Flugdaten? Das ist eine Theorie, die Jaroslaw Kaczynski vertritt.

Klarheit über den Hergang der Katastrophe kann nur die „Black Box“ liefern. Doch die polnischen Ermittler haben die Sprachaufzeichnungen aus dem Cockpit noch immer nicht vollständig entschlüsselt. Die Stimmen seien teilweise nicht eindeutig zuzuordnen, heißt es. Nun werden die Bänder erneut analysiert. Das bietet Raum für Spekulationen. Fest steht bislang nur, dass sich Luftwaffenchef Andrzej Blasik und Lech Kaczynskis Protokollchef Mariusz Kazan im Cockpit aufhielten. 15 Minuten vor dem Landeversuch teilte Kazan der Besatzung mit: „Es gibt noch keine Entscheidung des Präsidenten, was wir machen.“

Erschienen in „Schleswig-Holstein am Sonntag” (12. September)

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