Kreuzgang 1: Bolschewiken-Jagd in Warschau

Seit Wochen tobt vor dem Präsidentenpalast in Warschau ein bizarrer Konflikt um ein Holzkreuz. Pfadfinder haben es dort aufgestellt, zum Gedenken an die Opfer der Flugzeugtragödie von Smolensk. Inzwischen ist der Ort zu einer Pilgerstätte einer außerparlamentarischen Opposition geworden. Und zum Treffpunkt von Menschen, die ihren Platz im Leben suchen. Teil 1 meiner Reportagereihe „Kreuzgang”.

Gespenstische Szenen. Einige Tausend Gläubige marschieren mit lodernden Fackeln vor dem Präsidentenpalast in Warschau auf. Durch die Luft wabert Weihrauchgeruch, die Menschen murmeln Gebete. Doch dann skandieren sie unvermittelt: „Reckt das Kreuz in die Luft – jagt die Bolschewiken in die Gruft!” Alte sind dabei und Junge, und sie stemmen tatsächlich Kreuze in die Höhe, die Hände umwickelt mit Rosenkränzen. Wer in die Gesichter schaut, entdeckt Spuren … ja, wovon? Eines anders gearteten Lebens? Verweichlichte, verhärmte, verbitterte Züge sind das. Über ihnen kreisen die Kamera-Arme des Staatsfernsehens. Hinter den gusseisernen Barrieren haben sich einige Riesen in Polizeiuniform aufgebaut. Sie schützen ein Holzkreuz vor dessen selbst ernannten Verteidigern. Präsident Komorowski will das christliche Symbol am liebsten in eine Kirche abtransportieren lassen. Vor der Tat aber schreckt er angesichts der Demonstranten zurück. Sie kämpfen dafür, dass das Kreuz ein Dauerdenkmal wird. Und zwar hier, vor dem Palast.

Skurrile Szenen. Ein Junge, er mag 15 Jahre alt sein, stibitzt eines der eilig zusammengenagelten Kreuze, die seit Wochen vor dem Palast herumstehen. Bilder der Gottesmutter und des verstorbenen polnischen Papstes Johannes Paul II. hängen daran. Die Verteidiger haben die Devotionalien mitgebracht, denn an dem Holzkreuz selbst dürfen sie nicht mehr beten. Die Stadt Warschau hat den Raum darum absperren lassen. Schelmisch grinsend sucht der Junge schließlich das Weite. Bis ihn ein finster dreinblickender Galtzkopf entdeckt, sich auf ihn stürzt und ihm das Kreuz entreißt. Im Gedränge setzt es Fausthiebe. Aus den Lautsprechern dringt noch das Gemurmel der Gebete, bis ein Verteidiger das Mikorphon an sich reißt und in pathetischem Predigerton ruft: „Hier wird ein Kreuz entwendet. Ein Junge hat es gestohlen. Wo ist die Polizei? Seht her, ein Kreuz wird entweiht. Jetzt hat er es zerstört. Stoppt diese Schändung! Aber nein, er ist es nicht wert, dass wir seinetwegen unsere Gebete unterbrechen. Lasset uns beten!” Das Leben des Brian. Monthy Python lässt grüßen.

Beängstigende Szenen. So ein Fackelmarsch schindet schon Eindruck. Wer nicht mit den Betenden ist, den beschleichen ungute Gefühle. „Ku-Klux-Klan!”, rufen einige Gegendemonstranten, „Inquisitoren!” Studenten sind das, die sich mit ihren Parolen selbst Mut machen. Als Deutschem kommen mir, ganz automatisch, Bilder von Nazi-Aufmärschen in den Sinn. Dort wäre allerdings kein „Störer” geduldet worden. Als Unbeteiligter frage ich mich: Was soll das alles?

Unbegreifliche Szenen. Am 10. April stürzte in Smolensk die polnische Präsidentenmaschine ab. Staatschef Lech Kaczynski, seine Frau und 94 weitere hochrangige Repräsentanten des Landes starben. Die Delegation war auf dem Weg nach Katyn. Dort hatte Stalin 1940 tausende polnische Offiziere ermorden lassen. Zu kommunistischen Zeiten hüllte die Staatsmacht den Mantel des Schweigens über das Massaker, das so erst recht zum Trauma einer ganzen Nation wurde. Und nun, 70 Jahre später, wieder eine Tragödie. Schwer fassbar ist das, unbegreiflich. Wochenlang trauerte Polen um die Opfer. Doch aus der gemeinsamen Trauer entstand schnell neuer politischer und gesellschaftlicher Streit. Das Kreuz vor dem Präsidentenpalast ist zum Kristallisationskern dieser Auseinandersetzungen geworden. Auf der einen Seite stehen die „Verteidiger des Kreuzes”. Fundamentalkatholiken sind das und Nationalisten. Sie machen die Regierung und den russischen Geheimdienst für das Unglück in Smolensk verantwortlich. Auf der anderen Seite finden sich Linke und Autonome zusammen, die im rechtslastigen polnischen Parteiensystem nach dem Niedergang der Postkommunisten keine Heimat mehr haben.

Ich werde wiederkommen, um mehr zu sehen und mehr zu verstehen.

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