Feigheit vor dem Feind?

Polens Präsident will den Kampf um das Kaczynski-Kreuz entschärfen. Doch längst ist eine gesellschaftliche Debatte über die Rollenverteilung zwischen Kirche und Staat entbrannt.

Aus zwei ausrangierten Bahnhofslautsprechern plärren wahlweise religiöse Volkslieder oder politische Reden. Die „Verteidiger des Kreuzes“ haben sich ihre eigene Stereoanlage gebastelt. Der Krach übertönt sogar die wütenden Wortwechsel. Selbst am späten Abend noch geraten immer wieder Passanten mit der Hand voll Aktivisten in Streit, die seit Wochen vor dem polnischen Präsidentenpalast ausharren. „Religion hat in der Politik nichts zu suchen“, schreit ein junger Mann. „Kümmert euch lieber um all die Orgien im Vatikan, um die Schändung kleiner Kinder und diesen ganzen Schmutz!“ Trotz der Dunkelheit trägt er eine Sonnenbrille. Sie schützt den antikirchlichen Eiferer vor den hasserfüllten Blicken der „Kreuzzügler“, wie er seine Widersacher nennt.

Längst ist aus dem Streit um die Erinnerungsstätte im Herzen Warschaus ein Glaubenskrieg erwachsen. Mit der Mahnwache will das Grüppchen katholischer Fundamentalisten den Bau eines Denkmals für den tödlich verunglückten Präsidenten Lech Kaczynski erzwingen. Exakt an dieser prominenten Stelle soll es stehen – vor dem Palast, wo Pfadfinder nach der Flugzeugkatastrophe von Smolensk im April ein vier Meter hohes Holzkreuz aufgestellt haben. Kaczynskis Nachfolger, der neu gewählte Staatschef Bronislaw Komorowski, lehnt das ab. Dem Liberalen ist all das zu viel des Kultes um seinen national-konservativen Vorgänger. Heute lässt Komorowski stattdessen in einem Seitenflügel seines Amtssitzes eine Gedenktafel enthüllen. Sie soll an Kaczynski und die übrigen 95 Opfer der Tragödie erinnern.

Den „Kreuzzüglern“ und ihren Unterstützern in Publizistik und Politik reicht das nicht aus. Letztere sind das eigentliche Problem für Komorowski. Das seit drei Jahren bei allen Wahlen unterlegene rechte Lager hat in dem Mahnmal-Streit einen willkommenen Anlass zur ideologischen Mobilmachung gefunden. Aus Furcht vor einer Eskalation brach Komorowski Anfang August einen ersten Versuch ab, das Kreuz in die nahe gelegene St.-Anna-Kirche transportieren zu lassen. Diese „Feigheit vor dem Feind“ wiederum empörte die polnische Linke. Ein nächtliches Happening autonomer Kreuzgegner artete Mitte August in wilde Pöbeleien und Randale aus.

Allerdings trägt das Geschehen auch zunehmend humoristische Züge. Im Internet hat ein satirisches Computerspiel mit dem Namen „Kampf ums Kreuz“ Konjunktur. Und auf dem Boulevard vor dem Präsidentenpalast macht sich Hyde-Park-Atmosphäre breit. Viele Schimpftiraden sind inzwischen mit einem Augenzwinkern versehen. Oder die Wortgefechte enden in seriösen Diskussionen über die Lage des Landes.

Zentraler Punkt ist dabei die Rolle der Kirche im Staat. Mehr als 90 Prozent der Polen sind katholisch. Doch längst nicht alle sind streng gläubig. Der Atheismus kommunistischer Prägung hat seine Spuren hinterlassen. In Politik und Medien toben heftige Debatten über ein geplantes Gesetz zur künstlichen Befruchtung und über den Ethikunterricht an den Schulen. Er ist als Alternative zum Fach Religion gedacht. Die katholische Kirche lehnt beides strikt ab. Das Wort von der „Versuchung des Teufels“ macht die Runde.

Im Kreuzstreit haben sich die polnischen Bischöfe allerdings zurückhaltend positioniert. Das Episkopat wittert eine Instrumentalisierung des christlichen Symbols durch die Parteien und die Öffentlichkeit. Das Selbstverständnis der katholischen Würdenträger ist ein anderes: Die Kirche gibt die Richtung vor. Ihnen ist nicht wohl bei dem Spektakel, das die Fanatiker vor dem Palast bieten. Immer mehr Touristen und Neugierige strömen herbei, um die Frömmler zu fotografieren. Das Holzkreuz sähen die Bischöfe deshalb am liebsten in der St.-Anna-Kirche. Darin sind sie sich mit der großen Mehrheit der Bürger einig: Rund 70 Prozent der Polen sprechen sich in Umfragen für eine Auflösung der wilden Erinnerungsstätte vor dem Präsidentenpalast aus.

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