Überleben am seidenen Faden

Eine Organspende hat den sechsjährigen Karpatenjungen Tomek vor dem Tod gerettet. Es ist einer von viel zu wenigen Fällen.

Heillos verkabelt liegt er da, der kleine Tomek. Doch als der Sechsjährige aus der Narkose erwacht, ist er keineswegs verunsichert. „Mama, habe ich jetzt einen Computer?“, fragt er. Vor Tomeks Augen flackern die Monitore. All die Zick-Zack-Linien und hüpfenden Punkte zeigen an, dass der Zustand des Patienten mit der neuen Leber stabil ist. Nach drei Operationen endlich stabil!

Heillose verkabelt. (Foto: CZD)

Seit Wochen bangt ganz Polen um das Schicksal des Jungen aus dem Karpatendorf Tarnawce. Dort, nicht weit von der ukrainischen Grenze, regiert die Armut. Die Menschen leben seit Jahrhunderten von dem, was der Wald ihnen beschert: Beeren, Streufrüchte, Pilze. Ungefährlich ist das nicht. Anfang August ist Tomeks Vater, ein erfahrener Sammler, einen Moment lang unaufmerksam. Der Knollenblätterpilz in seinem Korb ist hoch giftig – und kommt doch auf den Mittagstisch der Familie.

Der Mann und sein Sohn essen beide von der tödlichen Pflanze. Mit schweren Brechdurchfällen werden sie ins Krankenhaus der Kreisstadt Przemysl eingeliefert. Noch während der starke Körper des Vaters die Vergiftung aus eigener Kraft niederkämpft, fliegt ein Rettungshubschrauber den Jungen in eine Warschauer Kinderklinik, die auf Organverpflanzungen spezialisiert ist. Denn schnell ist klar: Tomeks winzige Leber ist den Toxin-Attacken nicht gewachsen. Die nicht mehr abbaubaren Gifte lassen das Gehirn des Jungen unaufhaltsam anschwellen. Der Sechsjährige wird sterben – sollte sich nicht ein geeignetes Transplantat finden.

Wie im Fall des deutschen Außenministers Frank-Walter Steinmeier und seiner Frau Elke, nur dramatischer und dringlicher, beginnt die Suche nach einem Spender. In Polen gilt ein Gesetz, um das in Deutschland noch heftig gerungen wird: Wer zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widerspricht, dessen Organe dürfen nach einer Hirntod-Diagnose verpflanzt werden. Der Effekt der Regelung ist allerdings verschwindend gering. „Die Praxis sieht anders aus“, sagt Pawel Trzcinski, Sprecher der Klinik, in der Tomek behandelt wird. „Bevor ein Arzt Organe entnimmt, konsultiert er die Verwandten eines Toten. Und die stellen sich oft quer.“ In Polen werden jährlich nur rund 450 Totspenderorgane übertragen – Tendenz schwach steigend. In Deutschland sind es bei einer doppelt so großen Bevölkerungszahl fast zehn Mal mehr Transplantationen.

Tomeks Leben hängt acht Tage lang an einem seidenen Faden. Eine erste Hilfe kommt aus Mecklenburg und heißt „Mars“. Zwei Rostocker Ärzte haben die High-Tech-Kunstleber entwickelt, die für eine gewisse Zeit die Funktionen des absterbenden Organs übernehmen kann. Acht lange Tage – dann erliegt im westpolnischen Gnesen ein junger Mann nach einem Autounfall seinen Verletzungen. Seine Verwandten erklären sich mit einer Organentnahme einverstanden. Alle Tests ergeben: Die Leber des Toten könnte Tomek retten.

Chefchirurg Piotr Kalicinski ist die Ruhe in Person. Unter dem schwarzen Schnauzbart des hoch gewachsenen Professors zeigt sich stets ein mildes Lächeln. Kalicinski beginnt einen Operationsmarathon – und berichtet zwischendurch immer wieder den wartenden Journalisten. Die Klinik hat Tomeks Fall öffentlich gemacht, „um die Menschen aufzurütteln und für die Spenderproblematik zu sensibilisieren“, wie Pawel Trzcinski sagt. Im Internet-Portal „Facebook“ berichtet er laufend über den Zustand des kleinen Patienten. Reaktionen kommen aus aller Welt. „Tomek, bleib mit uns!“, schreibt ein Nutzer aus Deutschland.

Der Kleine hält durch. Nach der dritten Operation ist Tomek am Ende dieser Woche anscheinend über den Berg. Die Ärzte schreiben es der kräftigen Natur des Karpatenjungen zu. In Tarnowce haben sich die Menschen seit Anfang August immer wieder vor dem Haus der Unglücksfamilie versammelt, um zu beten. Wenn Tomek zurückkehrt, wird er ein renoviertes Zimmer vorfinden. Dafür hat die Kommune gesorgt. Und auch einen Computer bekommt der Erstklässler dann. „Aus ganz Polen sind Sachspenden bei uns eingegangen“, berichtet Kliniksprecher Trzcinski. „Es ist auch ein Laptop dabei.“

Stichwort: Knollenblätterpilz
„Amanita phalloides“, der Grüne Knollenblätterpilz, ist der gefährlichste Pilz überhaupt (englisch: death cap/Todeshaube). 90 Prozent aller tödlich verlaufenden Pilzvergiftungen gehen auf sein Konto. Die bis zu 15 Zentimeter große Pflanze enthält Amatoxine und Phallotoxine. Beim Menschen können diese Gifte schon in geringen Mengen Leberversagen auslösen. Besonders tückisch ist der Knollenblätterpilz, da in bestimmten Wachstumsphasen die Verwechslungsgefahr mit Wildchampignons und Riesenschirmlingen groß ist.

Veröffentlicht in: Schweriner Volkszeitung (4. September)

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