Chaos am Bau und Hooligan-Gewalt

Die Qualifikation zur Fußball-Europameisterschaft 2012 läuft. Der Stand der Vorbereitungen in den Gastgeberländern Polen und Ukraine lässt zu allerdings noch immer zu wünschen übrig. Zum größten Problem könnte die vor allem in Polen äußerst gewaltbereite Hooliganszene werden.

Navigationsgeräte können unerbittlich sein. Wer bei Frankfurt die Oder überquert, dem nimmt die Roboterstimme auf polnischem Gebiet schnell jede Hoffnung auf eine schöne Reise: „Wenn möglich, kehren Sie bitte sofort um“, warnt der Automat. Es ist jener Augenblick, in dem die kilometerlange Baustelle in eine obskure Umleitung übergeht. Lkw-Kolonnen wälzen sich von dort bis kurz vor Posen über schmale Landstraßen. Der Empfangsbereich des EM-Gastgeberlandes 2012 lässt für das Fußball-Fest nichts Gutes erahnen.

Andererseits: Gebaut wird immerhin. Zwischen Frankfurt an der Oder und Posen entsteht ein Schlüsselstück der Autobahn 2, die in zwei Jahren Berlin mit Warschau verbinden soll. Ob alles rechtzeitig fertig wird, ist allerdings offen. Keine zwei Wochen ist es her, dass Polens staatliche Kontrollbehörde NIK Alarm geschlagen hat. Hinter den Vorbereitungen stehe ein dickes Fragezeichen, warnte NIK-Chef Jacek Jezierski. Er bezog sich dabei vor allem auf die Infrastruktur. „Es wird uns nicht gelingen, alle geplanten Straßen, Bahnstrecken und Flughäfen bis 2012 fertig zu stellen“, unkte Jezierski und schloss nicht aus, dass sich „unsere Gäste nach der EURO nur an die Probleme im Land erinnern“.

Doch es gibt auch Lichtblicke. Der Bau der EM-Stadien ist zumindest in Polen nicht gefährdet. In zweieinhalb Wochen eröffnet Popstar Sting mit einem Konzert die neue Arena in Posen. In Warschau wächst das Nationalstadion sichtbar in den Himmel. Und auch in Breslau und Danzig kommen die Arbeiten gut voran. Noch ist freilich offen, ob nicht eine weitere Spielstätte in Krakau benötigt wird. Der Grund: Co-Gastgeber Ukraine hinkt beim Stadionbau hinterher. Die Arenen in Charkow und Donezk sind zwar bereits modernisiert. Den vorgesehenen Endspielort in der Hauptstadt Kiew wollte die UEFA aber bislang nicht bestätigen. Und im westukrainischen Lemberg streitet Investor Piotr Deminski mit der Stadt um Baugrund.

Deminski gehört zur Gruppe der berüchtigten Oligarchen, jener Hand voll milliardenschwerer Wirtschaftsbosse, die das Land in ihrem Klammergriff halten. Dies ist das Hauptproblem in der Ukraine: Weil der Staat – anders als in Polen – nicht auf EU-Mittel zurückgreifen kann und nach der Weltfinanzkrise noch immer am Rande des Bankrotts entlangtaumelt, ist das Gastgeberland auf private Investoren angewiesen. Die aber spielen mitunter va banque. Und so fehlt es in der Ukraine zwei Jahre vor dem EM-Start sogar an Hotels mit mittlerem internationalen Standard.

Woran es bei den Gastgebern nicht mangelt, ist Fußball-Leidenschaft. Morgen treffen die Nationalteams beider Länder im westpolnischen Grodzisk in einem Testspiel aufeinander. Seit Tagen gibt es auf den Sportseiten der Zeitungen kaum ein anderes Thema. Doch auch die Euphorie hat ihre Schattenseiten. Insbesondere in Polen gibt es eine äußerst aktive und gefährliche Hooliganszene. Erst vorige Woche kam es am Rande des Pokalspiels Bydgoszcz gegen Lodz zu schweren Ausschreitungen. Steine und Stadionstühle flogen. Die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein. Dennoch wurden vier Beamte schwer verletzt.

Prügeleien, Randale und rassistische Hassausbrüche sind in polnischen Stadien keine Seltenheit. Zum Repertoire gehören Schlachtrufe wie: „Wer nicht hüpft, der ist ein Jude!“ Der Staat hat vor der parlamentarischen Sommerpause mit Gesetzesverschärfungen reagiert. Den in Bydgoszcz festgenommenen Hooligans drohen nun mehrjährige Haftstrafen. Justizminister Krzysztof Kwiatkowski will gewaltbereite Fans zudem mit elektronischen Fußfesseln überwachen lassen. „Anders lässt sich ein Stadionverbot für polizeibekannte Hooligans kaum effektiv durchsetzen“, sagt Kwiatkowski. Nach einem friedlich-fröhlichen Fußball-Fest klingt das nicht. Andererseits gab es vergleichbare Negativschlagzeilen auch vor anderen Großturnieren. Passiert ist zumeist nichts.

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