Der zweifelhafte Erfolg des „Rassisten aus der Bundesbank“

Polen registriert die deutsche Sarrazin-Kontroverse aufmerksam. Eine eigene Integrations-Debatte bleibt aber aus.

Sarrazin schafft es auf Anhieb in das Hauptabendprogramm
Polnische Fernsehnachrichten konzentrieren sich üblicherweise auf das innenpolitische Geschehen. Es muss schon Herausragendes passieren, damit internationale Meldungen einen Sendeplatz finden – eine Jahrhundertflut in Pakistan zum Beispiel. Thilo Sarrazin hat es auf Anhieb in das Hauptabendprogramm des Staatssenders TVP geschafft. Ein deutscher Bundesbanker, der vermeintlich neonazistische Parolen verbreitet und damit ein gigantisches Medienecho hervorruft: Das zieht offenbar immer und überall. Dass Sarrazin mit „Deutschland schafft sich ab“ tatsächlich ein Werk rassistischen Inhalts geschrieben hat, steht dabei für viele polnische Beobachter außer Frage. Aufreizend lakonisch titelte etwa die liberale „Gazeta Wyborcza“, die größte Tageszeitung des Landes: „Der Rassist aus der Bundesbank gibt ein Buch heraus“.

Freude über die gute Integration der Polen in Deutschland
Eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der Sarrazin-Debatte bleibt in Polen allerdings aus. Mit Genugtuung vermerken manche Kommentatoren, dass der Buchautor die in Deutschland lebenden Polen als leuchtendes Beispiel für gelungene Integrationsmodelle darstellt. Auch sind keine reflexhaften Vorwürfe an die Adresse des großen Nachbarn zu hören, nach dem Motto: „Seht her, wir haben es immer gewusst: Der Boden, aus dem der Nazismus kroch, ist fruchtbar noch.“ Dennoch belegt die Aufmerksamkeit, mit der das Thema in Polen verfolgt wird, dass die erzürnten Reaktionen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Guido Westerwelle auf das Sarrazin-Buch einen ernsten Hintergrund haben. Die Kontroverse hat zumindest das Potenzial, das Bild Deutschlands im Ausland einzutrüben. Nicht von ungefähr tauchen in einigen polnischen Medien gleich neben den Sarrazin-Meldungen Berichte über die umstrittene Ausweisung von Roma aus Frankreich auf.

Der schlimmste Hetzer ist in der Versenkung verschwunden
Rückschlüsse auf die Situation im eigenen Land ziehen die Kommentatoren unterdessen nicht. Dabei ist es nicht lange her, dass die katholisch-fundamentalistische „Liga polnischer Familien“ mit rassistischen Parolen erfolgreich auf Stimmenfang ging. Von 2005 bis 2007 war die Partei des Rechtspopulisten Roman Giertych sogar an der Regierung des nationalkonservativen Ministerpräsidenten Jaroslaw Kaczynski beteiligt. Inzwischen ist Giertych, der immer wieder gegen Homosexuelle, Einwanderer und Juden hetzte, in der politischen Versenkung verschwunden. Seit die rechtsliberale Bürgerplattform (PO) von Premier Donald Tusk und Präsident Bronislaw Komorowski in Warschau an der Macht ist, hat sich die Lage der Minderheiten in Polen deutlich entspannt.

Pöbeleien gegen Afrikaner
Einen realen Hintergrund hatten die Verbalattacken gegen Migranten ohnehin nicht. Die Integrationsprobleme in Polen sind überschaubar. Das hat zuallererst mit dem geringen Ausländeranteil zu tun. Offiziellen Statistiken zufolge leben in Polen weniger als 100.000 Zuwanderer. Zählt man jene hinzu, die sich illegal im Land aufhalten, kommt man auf einige Hunderttausend Menschen – nichts im Vergleich zu den sieben Millionen Ausländern in Deutschland oder den 3,6 Millionen in Frankreich. Andererseits ist es ein bekanntes Phänomen, dass der Hass gerade dort gedeiht, wo die einheimische Bevölkerung kaum Kontakt zu Fremden hat. In Polen dienen daher vor allem die wenigen afrikanischen Einwanderer regelmäßig als Zielscheibe für Pöbeleien und gewaltsame Übergriffe. „Dunkelhäutige werden vor allem in kleinen Städten immer wieder unverfroren angestarrt, beschimpft und mitunter sogar physisch attackiert“, berichtet der Sozialwissenschaftler Lukas Lotocki von der Universität Warschau.

Hooligan-Szene wird zum Brennpunkt der Innenpolitik
In den Fußball-Stadien des Landes gehören Hassausbrüche gegen schwarzafrikanische Spieler zum Alltag. Knapp zwei Jahre vor der Europameisterschaft, die Polen im Sommer 2012 gemeinsam mit der Ukraine ausrichtet, entwickelt sich die Hooligan-Szene immer stärker zum Brennpunkt der polnischen Innenpolitik. Erst am vergangenen Mittwoch kam es bei einem Pokalspiel zwischen Zawisza Bydgoszcz und Widzew Lodz zu schweren Ausschreitungen. Steine und Stadionstühle flogen. Die rund 1000 Polizisten setzten Tränengas und Wasserwerfer ein. Dennoch wurden vier Beamte schwer verletzt. Dass die von den Hooligans benutzten Parolen („Wer nicht hüpft, der ist ein Jude“) einen ernst zu nehmenden Hintergrund haben könnten, wird in der polnischen Öffentlichkeit zumeist rundweg abgestritten. Zumindest was die Breite der Debatte über Zuwanderung und Fremdenfeindlichkeit anbelangt, ist Deutschland ohne Zweifel weiter – ob mit oder ohne Thilo Sarrazin.

Veröffentlicht über die Nachrichtenagentur DAPD

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