Walesa will seine „heilige Ruhe haben“

Die Solidarnosc wird 30 Jahre alt. Doch Polens Freiheitsheld Lech Walesa will seinen größten Triumph nicht feiern.

Bild und Ton wollen nicht recht zueinander passen. Er habe „keine Lust zu feiern“, wiegelt Lech Walesa ab. Dabei glänzen die Äderchen auf den vollen Wangen des Friedensnobelpreisträgers. Ein Lebemann war der Vater von acht Kindern schon immer. Doch nun, sagt er, habe er nach Jahrzehnten persönlicher Kraftanstrengungen genug. „Ich bin scheußlich müde.“

Dass der polnische Freiheitsheld ausgerechnet zum 30. Jahrestag seines größten Triumphes seine „heilige Ruhe haben will“, wie er sagt, stößt selbst bei langjährigen Bewunderern auf Unverständnis. Walesa stelle stets sein Ego in den Mittelpunkt, tönt es aus den Reihen der Gewerkschaft Solidarnosc. Deren Zulassung hatte Walesa, damals Elektriker auf der Danziger Leninwerft, heute vor 30 Jahren erkämpft. Wie aus dem Nichts hatte er sich an die Spitze jener Streikbewegung gestellt, die zunächst die Küstenstädte und später ganz Polen erfasste.

Die Bilder von dem schnauzbärtigen Arbeiterführer gingen damals um die Welt. Mit einem gigantischen Kugelschreiber, den ein ebenso riesiges Papstemblem zierte, unterzeichnete der gläubige Katholik am 31. August 1980 jene Vereinbarung, in der die sozialistische Staatsmacht auf ein Stück ihrer Alleinherrschaft verzichtete. Rund zehn Millionen Menschen traten der Solidarnosc in den Folgemonaten bei. Es war der erste und womöglich wichtigste Sargnagel für den Kommunismus in Osteuropa – auch wenn das 1981 verhängte Kriegsrecht den Untergang des Regimes noch für zehn Jahre verzögerte.

Es gibt also durchaus Grund zu feierlichem Gedenken: In Stettin, Danzig und Gdingen versammeln sich dieser Tage Solidarnosc-Veteranen, aktive Gewerkschafter und die Polit-Prominenz des Landes. Der neu gewählte Präsident Bronislaw Komorowski, selbst ein Freiheitskämpfer der ersten Stunde, lobte: „Es hat sich gelohnt, was wir riskiert haben. Es hat sich gelohnt, (in der Diktatur) anständig zu bleiben.“ Selbst US-Präsident Barack Obama schickt eine Grußbotschaft. Nur Walesa fehlt bei alledem. Er will lieber „auch mal fünf gerade sein lassen“, wie er betont.

Hinter dem Affront des ersten postkommunistischen Präsidenten steckt allerdings Methode. Längst ist Walesa nicht mehr mit der Politik der Solidarnosc einverstanden. „Geblieben ist nur der Name“, sagt der 66-Jährige. Tatsächlich unterstützte die noch immer wichtigste Gewerkschaft Polens im jüngsten Präsidentenwahlkampf Walesas Intimfeind, den nationalkonservativen Ex-Premier Jaroslaw Kaczynski. Die Kaczynskis haben dem Friedensnobelpreisträger stets vorgeworfen, 1989 am Runden Tisch faule Kompromisse mit den Kommunisten geschlossen zu haben. Tatsächlich verblieben große Teile der Nomenklatura an den Schalthebeln der Macht. Doch die Gestalt des erfolgreichen neuen Polen rechtfertigt Walesas Strategie unter historischen Gesichtspunkten durchaus.

Die junge Generation will von all den Nachhutgefechten nichts  wissen. „Wir haben mit Politik nichts am Hut“, sagt die 37-jährige Jolanta Kaminska. Sie hat jahrelang als Kassierin bei einem polnischen Discounter gearbeitet. Umgerechnet 300 Euro verdienen die Beschäftigten dort. Um die Arbeitsbedingungen zu verbessern, trat Kaminska in die Solidarnosc ein. „Wenn du nichts tust, ändert sich nichts“, sagt sie. Im September wollen die Gewerkschafter den polnischen Einzelhandel bestreiken. „Wir werden kämpfen“, sagt Kaminska.

Solche Töne hört Walesa gern. Der „permanente Revolutionär“, wie er sich selbst nennt, rät seinen Landleuten bei jeder Gelegenheit, nach vorn zu schauen. „Der Sieg der Solidarnosc wäre vergebens, wenn es uns nicht gelingt, für die künftigen Generationen ein Leben in Frieden und Wohlstand aufzubauen“, ließ er am Sonntag verlauten. Da tauchte er plötzlich im Beisein von Premierminister Donald Tusk am Danziger Solidarnosc-Denkmal auf und legte einen Kranz nieder. Einen „scheußlich müden“ Eindruck machte er dabei nicht. Walesa wäre eben nicht Walesa, wenn er sich nicht von einer Minute auf die andere auch anders entscheiden könnte. Wer weiß also, ob den Friedensnobelpreisträger heute nicht doch noch die Lust überkommt, ein wenig zu feiern.

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