Der Lockruf der Fremde

Ab September berichte ich für deutsche Medien als Korrespondent aus Warschau. Meine bisherige Redaktion in Flensburg hat mich gebeten aufzuschreiben, warum es mich gen Osten zieht. Hier das Ergebnis…

Am Anfang war Jaceks Traurigkeit. Der alte Mann hatte mich zum Karpfen-Essen eingeladen, kurz vor Weihnachten 1997. Bleiern lastete der Dezember-Nebel auf den Straßen Posens. Ein polnischer Nebel, getränkt mit dem herb-heimeligen Geruch der Braunkohle-Öfen. „Ostblock-Smog“, brummte Jacek, „ganz wie damals.“
Damals – das lag 16 Jahre zurück. Er wolle mir von der Nacht auf den 13. Dezember 1981 berichten, hatte Jacek angekündigt. Um den neuen Kollegen am Germanistischen Institut ein wenig mit polnischer Geschichte vertraut zu machen. Dort unterrichtete ich seit kurzem Deutsch.
„Der Nebel“, begann Jacek seine Erzählung, „kündigte das Unheil an.“ Der Kampf der Gewerkschaft Solidarnosc für einen menschlichen Kommunismus hatte sich im Herbst 1981 zugespitzt. Jacek, der in der von Lech Walesa angeführten Freiheitsbewegung mitmischte, war voller Hoffnung. Doch in dieser Nacht kamen ihm erstmals Zweifel. „Es war nur so ein Gefühl.“
Lange lief Jacek durch die düsteren Straßen. „Bis mir eine Schneeflocke vor die Füße fiel, eine einzelne Flocke. Dabei schneite es nicht, überall war nur Nebel. Ich starrte die Kristallblume an, bis sie vor meinen Augen zerrann. Wie unsere Hoffnungen.“
Im Morgengrauen stand die Staatsicherheit vor der Tür – Kriegsrecht. Jacek saß mehrere Monate lang hinter Gittern. „Aber es war eine gute Zeit, denn wir wussten, wofür wir kämpften.“ Erst als die Freiheit gewonnen war, 1989, hielt die Leere Einzug in Jaceks polnischer Seele. „Wir wollten Solidarität“, schloss der alte Mann seinen Bericht, „und bekamen einen wilden Kapitalismus.“

Es war kein schönes Land, in das ich gekommen war, um jungen Leuten Deutsch beizubringen. Im Polen der späten 90er Jahre mischten sich die Glitzerwelt einiger Neureicher und die „Unterwelt“ der vielen Wendeverlierer. Die Arbeitslosigkeit schnellte damals auf 20 Prozent in die Höhe.
Und doch blieb ich anderthalb Jahre lang. Denn es gab auch die andere Seite der Medaille: Ich sah und liebte die Begeisterung, mit der sich die Studenten an die Gestaltung ihrer Zukunft machten. Stets waren sie fröhlich, immer elegant gekleidet, voller Dynamik und Entschlossenheit, offen für alles Fremde und Neue – welch himmelweiter Unterschied zu meiner Kieler Heimat-Universität jener Tage! Dort prägte der klassische Bummelstudent das Bild.
Es waren diese zwei Gesichter Polens, die mich faszinierten. Es war Jaceks Traurigkeit, die mich für sein Land eingenommen hatte. Und es war die positive Energie der Studenten, die mich an dieses Land fesselte.
Im kommenden September kehre ich nach Polen zurück. Als Osteuropa-Korrespondent des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags wechsele ich nach Warschau. Die berufliche Herausforderung liegt auf der Hand. Über eine Welt zu berichten, die vielen Deutschen noch immer fremd ist – trotz Reisefreiheit und EU-Partnerschaft – ist ein journalistischer Traum. Doch was noch? „Was, um Himmels willen, zieht dich ausgerechnet nach Polen?“ Fast jeder fragt das, der von meinen Plänen hört.

Die Antwort beginnt mit alltäglichen Geschichten. Beim Musikfest auf dem Lande in Stocksee zum Beispiel. Der SHMF-Länderschwerpunkt Polen führt das Krakauer „Lieberman Trio“ auf den Gutshof im Kreis Segeberg. Zum abendlichen Ausklang geben die Musiker in der Gastroscheune ein wenig Jazz zum Besten. Die Begeisterung der Zuhörer ist groß. So groß, dass sich der eine oder andere an die Band herandrängt – und in das Blickfeld jener gerät, die für ihre Tischreservierungen bezahlt haben. Keine zwei Minuten vergehen, bis eine blondierte Mittfünfzigerin empört an den Rockschößen der „Drängler“ zerrt. So gehe das nun aber nicht, mosert sie. Soll heißen: Gekauft ist gekauft, mein ist die Musik – freie Sicht inklusive.
Szenenwechsel nach Posen. Zu dritt sind wir in der Straßenbahn unterwegs, mitsamt schwerem Reisegepäck und Hund. Die Tram rumpelt über das löchrige Gleisbett. Es ist eng. Doch eine ältere Frau rückt freundlich grüßend beiseite, ein junger Mann räumt gar seinen Sitz – schließlich brauche das arme Tier ja auch etwas Platz.
Sommer 2010: zwei Länder, zwei Begebenheiten. Zufällige Szenen, zugegeben. Aber wer Deutschland und Polen länger kennt, wird sie für typisch halten. Höflichkeit und Bescheidenheit zeichnen unsere östlichen Nachbarn aus – bis hin zum vollendeten Handkuss, bis hin auch zur christlichen Demutsgeste. Mitunter erstarrt all dies zur leeren Form. Meist aber entspringt das äußere Verhalten einem inneren Streben nach Harmonie und Frohsinn. In Deutschland dagegen bildet das herzliche, unvoreingenommene Aufeinanderzugehen die Ausnahme.
Damit keine Missverständnisse aufkommen: Deutschland ist ein wunderbares Land – Schleswig-Holstein vorneweg. Nichts treibt mich fort von hier. Am liebsten würde ich Menschen, Orte und Landschaften einpacken und mitnehmen nach Warschau. Es ist die Herausforderung in der Fremde, die mich anzieht – ein Lockruf, dem keine Heimatverbundenheit zu widerstehen vermag.
Doch auch dies gehört zu meiner Wahrheit: Deutschland ist ein sattes Land geworden, das zu allem Überfluss in die Jahre gekommen ist. In der Bundesrepublik liegt der Anteil der über 60-Jährigen bei 26 Prozent, in Polen bei 19 Prozent. Der Altersdurchschnitt hier: 44 Jahre – dort: 38.
Das ist zu spüren. Denn die Zahlen sind nur das eine. Das Lebensgefühl kommt hinzu. Wer über einen typischen polnischen Altstadtmarkt spaziert – sei es in Breslau, Krakau oder Danzig –, dem bietet sich ein brodelndes Kulturleben dar. In seinen urbanen Zentren ist Polen ein Land im Aufbruch – voller Energie und Lebenslust, wie einst meine Studenten in Posen.

Die kapitalistische Schocktherapie der 90er Jahre hat ihre Wirkung nicht verfehlt. Polens Ökonomie ist in bester Verfassung. Manch einer spricht gar vom Wirtschaftswunder an der Weichsel. Als einziges EU-Mitglied hat Polen im Krisenjahr 2009 ein Wachstum erzielt. Schon kehren die ersten Auswanderer zurück, die es nach der EU-Erweiterung 2004 in aufnahmebereite Länder wie Großbritannien, Irland und Schweden gezogen hatte.
Doch auch Polens zweites Gesicht zeigt sich noch immer. In abgelegeneren Regionen – sei es in Hinterpommern oder Masuren – herrscht weiterhin jene Melancholie, die der Schriftsteller Andrzej Stasiuk so unnachahmlich beschrieben hat. Der 49-Jährige selbst hat sich seinen Lebensmittelpunkt in den ostpolnischen Beskiden gewählt, am Rande der mitteleuropäischen Zivilisation. „Es gibt Orte“, schreibt Stasiuk in dem Reiseroman „Unterwegs nach Babadag“, an denen „uns die Gewissheit befällt, dass etwas hinter ihnen ist, dass sie etwas verdecken, verbergen“. Auch dieses Polen reizt mich, macht mich neugierig. Was mag es wohl sein, das sich „dahinter“ verbirgt?

TEIL 2

Mut ist relativ. Dass ich nach Warschau gehen werde, mache ich selbst im privaten Kreis erst spät publik, als alles spruchreif ist. Die Reaktionen sind voraussehbar. Etwa so: „Mein Gott, tu das nicht! Ausgerechnet Polen!“ Die Erklärungsnot ist groß. Woher stammt dieser Drang nach Osten? Ich verweise dann meist auf mein Studium der Slawistik und der osteuropäischen Geschichte. Doch grau ist alle Theorie. Viel kann man erzählen von Reisen an den fernen Baikalsee oder ins näher gelegene Masuren, von den Gedichten eines Czeslaw Milosz und der reichlich schrägen Begeisterung für eine Sprache voller Zischlaute.
Am Ende versuche ich es manchmal mit Lech Walesa. Anderthalb Jahre ist es her, dass mich der ehemalige Solidarnosc-Führer in seinem kleinen Büro am Danziger Langmarkt zu einem Interview über die friedliche Revolution von 1989 empfangen hat.
Historische Fotos schmücken die Wände – Walesa mit Bill Clinton, Walesa und Papst Johannes Paul II. Der Friedensnobelpreisträger und erste Präsident des postkommunistischen Polen sitzt am Schreibtisch und kritzelt auf einem Notizblock herum. Der mächtige graue Schnauzbart hüpft im Rhythmus des Federhalters. Doch dann, ganz unvermittelt, springt der 66-Jährige auf, stürzt auf mich zu und schreit: „Erste Frage!“
Der Mann in Jeans und Lederweste, der mich derart anfährt, ist eben nicht nur ein weltweit geachteter „Elder Statesman“. Bis 1980 war Walesa ein einfacher Elektriker auf der Danziger Lenin-Werft. Dann übernahm er dort die Führung des Solidarnosc-Aufstandes und wurde zum Freiheitskämpfer. Noch in unserem Interview erklärt er voller Stolz: „Ich bin und bleibe Revolutionär!“
Und so will Walesa auch keine ehrerbietigen Begrüßungsformeln hören, mit denen ich die eingeforderte erste Frage einleiten will. Floskeln sind noch immer nicht die Sache des 66-Jährigen, der einst bei einem Staatsbesuch im Buckingham-Palast eigenhändig die Steckdosen der Queen repariert haben soll. „Erste Frage!“, fällt er mir ins Wort. Es ist der Beginn eines freimütigen Gesprächs, das der „Revolutionär“ am liebsten gar nicht mehr beenden will. Er ist ins Plaudern gekommen über die glorreichen alten Zeiten.
Eine Nation mit einem Mann wie Walesa als Symbolfigur, so denke ich mir, hat sicher viel zu bieten: Spannendes, Skurriles, auch Sentimentales.
Doch die Dinge sind nicht immer so einfach erzählt wie die Geschichte vom Elektriker im Präsidentenamt. Wer für den Westen aus dem Osten berichten möchte, der muss beide Lebenswelten im Auge behalten. Und wer nicht von politischer Korrektheit verblendet ist, wird dabei zunächst ein Ungleichgewicht feststellen. Von Deutschland aus ist der Blick auf Polen oft nach unten gerichtet. Umgekehrt schauen viele Polen zum mächtigeren Nachbarn im Westen auf. Ersteres geht nicht selten mit Überheblichkeit und Dünkel einher. Letzteres erzeugt Neid und Missgunst. Schädlich ist beides. Doch die Stereotypen, die das Sichtfeld verengen, sind Teil der Realität. Die notorische deutsche Rede vom polnischen Autodieb ist dabei nur das eingängigste Beispiel. Es gibt weit kompliziertere Blockade-Mechanismen.

Nehmen wir den Fall der Kaczynski-Zwillinge. Verglichen mit anderen „bad boys“ der Zeitgeschichte wie dem Italiener Silvio Berlusconi oder dem Russen Wladimir Putin blieb der Einfluss der Brüder auf die Politik ihres Landes begrenzt. Gerade einmal anderthalb Jahre lang regierten die Zwillinge in Warschau im Doppelpack, als Präsident und Premier. Dann wählten die Polen Jaroslaw Kaczynski 2007 als Regierungschef ab. Seine rechtskonservative, nationalistische und antimoderne Politik war vor allem bei der jungen Generation durchgefallen. Präsident Lech Kaczynski blieb zwar bis zu seinem tragischen Tod bei der Flugzeugkatastrophe in Smolensk im vergangenen April im Amt. Aber das Staatsoberhaupt verfügt in Polen über wenig Gestaltungsmacht.
Dennoch: Wo auch immer in Deutschland die Rede auf die Kaczynski-Zwillinge kommt, schlagen die Wellen der Empörung weiterhin hoch. Selbst bei einer eher nüchternen Konferenz wie dem Baltic Media Forum in Lübeck brandet Anfang Juli spontan Applaus auf, als die Niederlage Jaroslaw Kaczynskis bei der Präsidenten-Neuwahl Erwähnung findet. Zugegeben: Die Kaczynskis haben stets eine deutschfeindliche Politik propagiert und in ihren Ämtern phasenweise auch praktiziert. Aber kaum jemand hat sich im Westen je die Mühe gemacht, dem Phänomen Kaczynski auf den Grund zu gehen.
„Dieser Mann“, sagt Tadeusz Waclawek, ein Universitäts-Angestellter aus Warschau, „ist immer einer von uns geblieben.“ Der freundlich lächelnde Mittfünfziger ist ein vehementer Anhänger der Kaczynski-Partei Recht und Gerechtigkeit. Und genau das verlangt Waclawek: ein Mindestmaß an Gerechtigkeit.
Revolutionär Lech Walesa hatte sich 1989 mit den Kommunisten an einen Runden Tisch gesetzt und den friedlichen Systemwechsel ausgehandelt – im historischen Maßstab ein epochaler Erfolg. Doch in Polen profitierten von der Wende vor allem die alten Parteikader, die – eben wegen des Rund-Tisch-Kompromisses – nie zur Rechenschaft gezogen wurden. Sie verblieben auch im neuen kapitalistischen System an den Schalthebeln.
Es waren die Kaczynski-Zwillinge, die sich mit dieser Ungerechtigkeit nicht abfinden wollten. Wer einmal das graue Reihenhaus der Familie im Warschauer Stadtteil Zoliborz besucht hat, mag ahnen, was der polnische „Durchschnittsbürger“ Tadeusz Waclawek meint, wenn er über die Kaczynskis sagt: „Sie haben sich nie bereichert. Sie sind ehrlich geblieben und haben dafür viele Nachteile in Kauf nehmen müssen.“
Mit ihrem inquisitorischen Eifer schossen die Brüder am Ende weit über das Ziel hinaus. Die gesamte polnische Gesellschaft wollten sie durchleuchten, um mit den angeblich weiter existierenden postkommunistischen Seilschaften abzurechnen. Wie so oft in der Geschichte, heiligten die Mittel den gerechten Zweck nicht. Und doch sind es Geschichten wie diese, die es für einen Auslandskorrespondenten zu hinterfragen und zu erzählen gilt. In ihrer schillernden Vielfalt. Um dies zu tun, gehe ich – ausgerechnet nach Polen!

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