Reisen wie nach Petuschki

Bahnhöfe sind besondere Orte: Fernweh, Abschied, Heimkehr, Reisefieber – all das mischt sich dort. Aber Bahnhöfe können auch zu höchst profanen Problemzonen werden.

Beton, Neonlicht, Frittiertfett
Der Warschauer Hauptbahnhof gehört zu jenen Orten, an denen sich wohl niemand freiwillig aufhält: Beton, Neonlicht, Gestank nach altem Frittierfett. Halb so wild, könnte man meinen, man will ja eh weg. Dazu müsste aber wenigstens die Infrastruktur stimmen – sprich: Man müsste sich eine Fahrkarte kaufen können, Informationen über Gleisbelegungen, Abfahrts- und Ankunftszeiten bekommen und vielleicht auch eine Tasse Kaffee. Doch Pustekuchen! In Warszawa Centralna verkaufen gerade einmal zwei von 30 oder mehr Kassen internationale Tickets.

Anstellen, und zwar hinten
Wer also nach Berlin will, steht üblicherweise erst einmal in einer Schlange. Da kann es dann durchaus passieren, dass 70 Leute vor den beiden Schaltern warten, während an den übrigen 28 Kassen gähnende Leere herrscht. Aber wo kämen wir hin, wenn sich die PKP, die polnische DB AG, als flexibel erweisen würde? Selbst zu den berüchtigten Vulkanaschezeiten im April blieb alles beim Alten. Obwohl damals hunderte (Flug-)Passagiere mit dem Zug quer durch Europa eilten und dabei nolens volens auch durch Warschau kamen. Ein Ticket nach Brüssel? Anstellen, und zwar hinten. Zwei Schalter – Punkt.

Krakau oder Berlin, das ist hier die Frage
Doch auch eine Fahrkarte garantierrt rein gar nichts. Man muss ja noch zu seinem Zug finden. Und da steht man dann auf dem Peron. In Polen existieren keine Gleisangaben, auf dem Fahrplan ist grundsätzlich der Bahnsteig ausgewiesen – der Peron. Das heißt: Ob ein Zug auf Gleis 5 oder 6 abfährt, muss man auf Peron III selbst herausfinden. Das aber kann zur Glücksache werden, denn die Zuganzeiger auf den Bahnsteigen erweisen sich nicht selten als fehlgesteuert.

Der Zuganzeiger zögert
Ein Beispiel: Bei meiner jüngsten Abreise aus Warschau sollte der Berlin-Express zwei Minuten vor dem Schnellzug nach Krakau abfahren. Beide auf Peron II, der eine aus Gleis 3, der andere aus Gleis 4. Welcher Zug aber wo einfahren würde, blieb rätselhaft, denn die elektronischen Anzeiger waren sich unschlüssig. Mal zeigte Gleis 3 Berlin an, mal Gleis 4. Dann wieder erschien irgenwo der Hinweis Krakau. Und der unterirdische Betonkanal verschluckte jede Lautsprecherdurchsage.

Der Lautsprecher schweigt
Zur Beruhigung der polnischen Seele, die von dem Trauerspiel um den ewig scheiternden Autobahnbau genug gemartert ist, sei hier berichtet, dass es in Deutschland kaum anders läuft. Auf dem Braunschweiger Bahnhof ereilte mich bei der Weiterreise nach Stutgart das gleiche Schicksal noch einmal. Der Zuganzeiger wies im Wechsel einen verspäteten IC nach Emden Außenhafen und meinen ICE aus, der laut Fahrplan sieben Minuten nach dem Emden-Express kommen sollte, aber Braunschweig offenbar pünktlich ansteuerte. Welcher Zug würde zuerst einrollen? Die Lautsprecher in Braunschweig haben den Vorteil, dass sie nicht in einer unterirdischen Betonwüste angebracht sind. Sie haben aber den Nachteil, dass niemand sie nutzt, um die Passagiere zu informieren.

Am Kursker Bahnhof
Andererseits: Emden oder Stuttgart, ist das nicht ganz gleich? Wer Wenedikt Jerofejews „Reise nach Petuschki” gelesen hat, weiß, dass man am Ende ohnehin immer am Kursker Bahnhof aufwacht. Oder in Warschau…

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