Warum Polen nicht sexy genug ist

Polen hat international kein gutes Image. Das Land gilt als langweilig und hoffnungslos rückständig. Die Realität ist eine andere.

„Polen ist nicht sexy.″ Sagt der Pole Wlodzimierz Borodziej, seines Zeichens Historiker. Er sagt dies beim NDR Baltic Media Forum in Lübeck, das Polen in diesem Jahr als Schwerpunktland auserkoren hat. Direkt nach der Präsidentenwahl ist das natürlich ein Glücksfall. Und so dreht sich viel um die Frage, wohin Polen denn nun steuere mit seiner neuen liberal-konservativen, EU-freundlichen Doppelspitze.

Keine Besserung in Sicht

Wer das Land kennt, hat meist nur Positives zu berichten. Ein kleines Wirtschaftswunder, viele flexible, gut ausgebildete und hoch motivierte junge Leute, eine lebendige Kulturszene – und dann ist Polen auch noch in zwei Jahren Ausrichter der Fußball-EM. Doch was hilft’s? Wer das Land nicht kennt, hat weiterhin erhebliche Vorurteile. Das zumindest haben viele professionelle Beobachter beobachtet. Und es stimmt ja. Polen ist halt „nicht sexy″. Woran das liegt, erschließt sich allerdings nicht auf den ersten Blick.

Südländisches Flair

Wer in diesen Sommertagen nach Warschau oder Krakau fährt, erlebt brodelnde Altstädte mit nahezu südländischem Flair. „So etwas können Sie in Deutschland lange suchen″, sagte mir jüngst die ehemalige Polen-Beauftragte Gesine Schwan. Im Westen herrscht dagegen das Bild des bäuerlichen Schnauzbartträgers vor. Oder Schlimmeres. Vielleicht fehlt einfach eine Initialzündung. Die EM in zwei Jahren könnte dies leisten, ähnlich wie die WM 2006 Deutschland international zu neuem Ansehen verholfen hat.

Applaus für Kaczynskis Scheitern

Und dann ist da noch das leidige Kaczynski-Problem. Die Zwillinge haben 2005-2007 viel dafür getan, dass das deutsch-polnische Verhältnis auf Frostgrade abkühlte. Sie waren es, die bei jeder Gelegenheit die finsteren Kapitel der Geschichte präsentierten. Insofern ist der Beifall verständlich, der beim NDR-Forum aufbrandet, als die Niederlage Jaroslaw Kaczynskis bei der Präsidentenwahl angesprochen wird.

Kaczynski fehlt vor allem eines: Sexappeal

Ganz gerecht ist das allerdings auch nicht. Denn was sich hinter dem einstigen (und teilweise zurückgekehrten) Erfolg Jaroslaw Kaczynskis wirklich verbirgt, ist vielen Deutschen nicht klar. Der (buchstäblich) kleine Mann verkörpert in Polen den Durchschnittsbürger, der mit ehrlicher Arbeit – schwer genug! – seinen Lebensunterhalt verdient, während Transformations- und Krisengewinnler aller Art an ihm vorbeiziehen. Solche Figuren, da hat Kaczynski durchaus recht, muss man nicht mögen. Klar machen können wird Kaczynski das im Westen ganz sicher niemandem. Dafür ist er einfach nicht sexy genug.

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