Aufbruch im Osten – Ignoranz im Westen

Polen zählt zu den „meistunterschätzten Kulturnationen“ Europas. Warum ist das so?

Weltklasse-Konzerte live und umsonst
Wer an Sommer-Sonntagen durch den „Park der königlichen Bäder“ in Warschau schlendert, dem bietet sich ein ungewöhnliches Schauspiel dar. Inmitten der klassizistischen Adelsgebäude, zwischen Wasserschloss und Belvedere, sind am Chopin-Denkmal die Klänge des Komponisten zu vernehmen. Alles live, gespielt von den talentiertesten und bekanntesten Chopin-Interpreten weltweit. Eine Eintrittskarte braucht dort gleichwohl niemand. Die Konzerte stehen allen Besuchern offen. Das lockt nicht nur Touristen an. Auch viele Hauptstädter selbst nutzen das Angebot, lustwandeln in Hörweite der kleinen Bühne oder lassen sich kurzerhand im Gras nieder. Wie die 25-jährige Anna Szymanska, die an diesem ersten Juli-Wochenende dem italienischen Pianisten Roberto Metro lauscht. „Ich bin sonntags regelmäßig hier“, sagt die junge Frau. „Es ist ein Zeichen meiner tiefen Verbundenheit mit der polnischen Kultur.“

Chopin im Bäder-Park, Jazz auf dem Altstadt-Markt
Die Chopin-Konzerte im Bäder-Park gibt es seit mehr als einem halben Jahrhundert. Sie sind die bedeutendste, aber keineswegs die einzige Einrichtung dieser Art in Warschau. Jeweils sonnabends präsentieren zwischen Juli und September auf dem Altstadt-Markt Jazzgrößen aus der aller Welt ihre Kunst. Und wer die wöchentliche Beilage „Das wird gespielt“ in der größten polnischen Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ studiert, der verliert angesichts der vielen und nicht selten kostenlosen Kulturangebote in der Hauptstadt schnell den Überblick.

Wer kennt schon Bruno Schulz?
Warschau brodelt vor Inspiration und Kreativität. In Krakau, Breslau oder Danzig ist dies kaum anders. In Westeuropa allerdings nimmt das kaum jemand wahr. „Polen gehört zu den meistunterschätzten Kulturnationen des Kontinents“, konstatiert der Kieler Slawist Michael Düring. „Chopin ist noch ein Name, der zieht“, sagt der Professor mit Blick auf das Jubiläumsjahr zum 200. Geburtstag des Komponisten. „Und auch Filmregisseur Andrzej Wajda oder populäre Schriftsteller wie Andrzej Szczypiorski sind in Deutschland bekannt. Aber wem ist schon das Universalgenie Bruno Schulz ein Begriff?“ Oder, so ließe sich hinzufügen, der Rockmusiker Czeslaw Niemen?

Kafka geht immer
Der 1892 in Galizien geborene jüdisch-polnische Schriftsteller, Maler und Bildhauer Schulz ist ein gutes Beispiel für die latente westliche Ignoranz gegenüber herausragenden Künstlern des östlichen Mitteleuropa. Franz Kafka mit seinen Wurzeln in Prag wurde und wird im Westen intensiv rezipiert. Schulz‘ Werk ist mit all seiner Phantastik und dem Hang zum Mystischen kaum weniger facettenreich. Doch seine Erzählbände „Die Zimtläden“ und „Das Sanatorium zur Todesanzeige“ werden diesseits von Oder und Neiße kaum wahrgenommen. „Selbst manche Slawistik-Studenten halten Schulz für einen Deutschen“, berichtet Düring. Und auch der 2004 verstorbene Rocksänger Niemen, der mit „Strange is the World“ die Hymne der polnischen 68er-Generation schrieb, ist im Westen nahezu unbekannt. So weit wie die Polen selbst, die Niemen in eine Reihe mit den „Beatles“ stellen und ihn 1999 zum polnischen Künstler des 20. Jahrhunderts wählten, muss ja niemand gehen.

Seit der Renaissance stets westzentriert
Woher das Desinteresse rührt, kann sich Gesine Schwan, ehemalige Polen-Beauftragte der Bundesregierung, nur mit einem „historischen Wertschätzungsgefälle“ erklären. Die Politikwissenschaftlerin, die über den polnischen Philosophen Leszek Kolakowski habilitiert hat, verweist auf den Blick, der seit der Renaissance stets westzentriert gewesen sei. „Das mitteleuropäische Prag gehörte noch dazu, Warschau nicht.“

Ein Juwel der europäischen Musikgeschichte
Bei den Machern des Schleswig-Holstein Musik Festivals mit dem diesjährigen Länderschwerpunkt Polen klingt das etwas anders. SHMF-Intendant Rolf Beck spricht von einer „bedeutenden Kulturnation“. Polen sei ein „Juwel innerhalb der europäischen Musikgeschichte“. Dass es zugleich noch „viel Neues und Unbekanntes zu entdecken gibt“, freut SHMF-Sprecherin Bettina Brinker. Beispielhaft nennt sie die Namen von Jazzsängerin Karolina Glazer oder des erst 28-jährigen Dirigenten Krzysztof Urbanski, der in seiner Heimat bereits ein Star ist.

Die Welt soll neugierig werden
Aus polnischer Sicht nährt der Blick, den das SHMF gen Osten wirft, die Hoffnung, dass sich im Westen ein stärkeres Interesse an der Kultur des eigenen Landes entwickeln könnte. Das Chopin-Jahr, das ein Grund für den SHMF-Schwerpunkt ist, sei für Polen „keine rein historische Angelegenheit“, sagte Warschaus Botschafter in Deutschland, Marek Prawda, unserer Zeitung. „Wir hoffen vielmehr, dass wir mit der Welt ins Gespräch kommen und die Welt neugierig auf uns wird.“

Schwan empfiehlt Tokarczuk
Dass sich daraus eine neue „Polenbegeisterung“ wie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickeln könnte, ist indes kaum anzunehmen. Damals galten die von Preußen, Österreich und Russland unterdrückten Polen als „Sturmvögel der Revolution“ – die Romantiker in Frankreich, Italien und Deutschland stürzten sich euphorisch auf alles Polnische. Der zeitweise in Wien und Paris lebende Chopin ist nur das bekannteste Beispiel. Dennoch: Zu entdecken gäbe es in unserem östlichen Nachbarland auch heute viel, wie nicht nur das SHMF-Programm zeigt. Schwan etwa legt allen Literaturbegeisterten die Bücher der 48-jährigen Olga Tokarczuk ans Herz („Ur und andere Zeiten“, „Taghaus – Nachthaus“). „Tokarczuk beschreibt die Welt und das Leben derart subtil, das ist atemberaubend“, sagt Schwan und fügt hinzu: „Wie das junge Leben auf den Marktplätzen der polnischen Städte. Soviel kultureller Aufbruch ist in Deutschland derzeit schwer vorstellbar.“

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