Auf dem Weg in das goldene Zeitalter?

Bronislaw Komorowski wird neuer polnischer Präsident. Wer ist der Mann mit dem akkuraten Seitenscheitel und der revolutionären Vergangenheit? Ein Porträt

Champagner erst am Tag danach

Er habe sich in all den Jahren politischer Tätigkeit „ein dickes Fell zugelegt“, antwortete Bronislaw Komorowski im Wahlkampf auf die Frage nach seinem persönlichen Befinden. Diese Schutzschicht brauchte der künftige polnische Präsident zweifellos auch in der Wahlnacht. Einen Vorsprung von rund 53:47 Prozent signalisierten die ersten Prognosen für den Kandidaten der rechtsliberalen Regierungspartei PO. Doch um Mitternacht war in den Hochrechnungen plötzlich sein nationalkonservativer Kontrahent Jaroslaw Kaczynski vorn. Komorowski hatte so etwas wohl schon geahnt, als er kurz nach Schließung der Wahllokale vor die Kameras getreten war. „Gewonnen hat die Demokratie“, rief er seinen jubelnden Anhängern zu und mahnte: „Die großen Champagnerflaschen lasst uns besser erst morgen köpfen.“ Das tat er dann auch, denn nach dem amtlichen Endergebnis hatte Komorowski die Nase gestern tatsächlich mit sechs Prozentpunkten vorn.

„Eintracht baut auf, Zwietracht ruiniert“
Die Vorsicht passt zu dem 58-jährigen Vater von fünf Kindern. Schon im Wahlkampf forderte er unter der Devise „Eintracht baut auf, Zwietracht ruiniert“ Ruhe und Stabilität für Polen. „Das Vaterland voranzubringen“, ist die politische Vision des Parteifreundes und Vertrauten von Ministerpräsident Donald Tusk. „Wenn wir zusammenstehen“, erklärte er im Wahlkampf, „kann das 21. Jahrhundert für Polen ein goldenes Zeitalter werden.“

Der ideale Präsident
Komorowskis Besonnenheit macht ihn in den Augen vieler Beobachter zu einem nahezu idealen Staatsoberhaupt. Selbst Sozialisten wie der frühere Regierungschef Wlodzimierz Cimoszewicz und Ex-Präsident Alexander Kwasniewski unterstützten ihn gegen Kaczynski. „Er ist ein starker Führer, der die Nation über die Parteigrenzen hinweg einen kann“, sagte Cimoszewicz.

„Ich war ein Radikaler“
Dabei war Komorowski in früheren Zeiten alles andere als ein Mann des Kompromisses. Seit den 70er Jahren mischte der aus Niederschlesien stammende Historiker in der antikommunistischen Opposition mit. „Ich war ein Radikaler“, sagt der 58-Jährige rückblickend selbst. Im Solidarnosc-Aufstand kämpfte er 1980 an der Seite des späteren Friedensnobelpreisträgers Lech Walesa. Doch die Staatsgewalt schlug zurück, Komorowski saß wegen seiner Gegnerschaft zum KP-Regime ein Jahr lang im Gefängnis. „Recht muss vor Macht gehen“, lautet seither einer seiner Leitsätze. Nicht von ungefähr trägt der Parlamentspräsident nach eigenem Bekunden stets die polnische Verfassung bei sich.

Aussöhnung mit den Erbfeinden
Die Übereinkunft, die Walesa 1989 mit den Kommunisten am Runden Tisch schloss, lehnte der enttäuschte Revolutionär zunächst ab. Anders als die Kaczynski-Zwillinge setzte er aber später auf einen breiten gesellschaftlichen Ausgleich. Und auch nach außen, gegenüber den historischen „Erbfeinden“ Deutschland und Russland, sind von dem ehemaligen Verteidigungsminister versöhnliche Töne zu hören. „Polen und Deutsche“, sagte er einmal, „verbindet eine Schicksalsgemeinschaft, die manchmal schwer, manchmal großartig gewesen ist.“ Die EU hat für den künftigen Präsidenten eindeutig Vorrang vor der von den Kaczynskis propagierten engen Partnerschaft mit den USA.

Die First Lady scheut die Öffentlichkeit
Komorowskis Frau Anna beschreibt ihren „Bronek“ als „Individualisten, der aber auch kooperieren kann“. In der Öffentlichkeit ist die künftige „First Lady“ bislang selten in Erscheinung getreten. Ihr Mann hingegen, der aus einem schlesisch-litauischen Adelsgeschlecht stammt, bezieht sich in seiner politischen Tätigkeit immer wieder auf seinen familiären Hintergrund. „Ich habe fünf Kinder großgezogen und mein ganzes Leben lang aufrichtig für Polen gearbeitet”, warb er im Wahlkampf für sich. Doch das mitunter patriarchalische Auftreten des künftigen Präsidenten macht ihn nicht bei allen seinen Landsleuten populär. Bei den Frauen und bei den Linken lassen Komorowskis Sympathiewerte zu wünschen übrig.

Keine Veto-Schlachten mehr
Tatsächlich hat der Mann mit dem akkuraten Scheitel, der sonoren Stimme und dem „urpolnischen“ Schnauzbart aus seiner konservativen Grundhaltung nie einen Hehl gemacht. Eine staatliche Unterstützung für Paare, die sich ihren Kinderwunsch durch künstliche Befruchtung erfüllen wollen, hält der Katholik nur in engen Grenzen für akzeptabel. Andererseits vergeht kaum eine Rede des künftigen Staatsoberhauptes, ohne dass das Wort Modernisierung gefallen wäre. Im Zusammenspiel mit Parteifreund Tusk will er die Infrastruktur des Landes runderneuern, die Sozialsysteme reformieren und über kurz oder lang den Euro einführen. Die Veto-Schlachten, die sich der bei der Flugzeugtragödie von Smolensk ums Leben gekommene Präsident Lech Kaczynski und Tusk immer wieder geliefert hatten, dürften Vergangenheit angehören.

Kaczynski im Nacken
Viel Zeit bleibt dem neuen Tandem an der Staatsspitze allerdings nicht. Im Herbst 2011 steht Tusk bei den Parlamentswahlen auf dem Prüfstand. Und der gestern unterlegene Jaroslaw Kaczynski hat dieses Ziel bereits ins Visier genommen. „Zu verlieren ohne zu kapitulieren – das ist auch ein Sieg“, rief er seinen enttäuschten Anhängern zu. Komorowski nahm es wie stets gelassen hin.

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