Kaczynskis zweite Chance

Jaroslaw Kaczynski ist mit einem Paukenschlag auf die politische Bühne zurückgekehrt. Bei der Präsidentenwahl galt er noch Mitte Mai als völlig chancenlos. Doch die Wähler sprachen dem Zwillingsbruder des tödlich verunglückten Staatschefs Lech Kaczynski das Vertrauen aus. Nun kommt es bei der Stichwahl am 4. Juli zu einem Showdown mit Sejm-Marschall Bronislaw Komorowski.

Die Wiederauferstehung des Jaroslaw Kaczynski war an diesem Wahlsonntag in Polen für alle sichtbar. Noch am Morgen, bei der Stimmabgabe in einer Warschauer Feuerwehrschule, wirkte der 61-Jährige fahl und freudlos. Vor zwei Monaten hatte er bei der Flugzeugtragödie im russischen Smolensk seinen Zwillingsbruder verloren, Präsident Lech Kaczynski. Nun schickte er sich an, dessen politisches Erbe anzutreten – eine Aufgabe, die sichtbar auf dem 61-Jährigen lastete.

Hoch gewettet, teif gefallen
Umso größer muss die Erleichterung bei Kaczynski gewesen sein, als am Wahlabend die ersten Ergebnisse über die Bildschirme flimmerten. Der Chef der national-konservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) hatte rund 36 Prozent der Stimmen auf sich vereinigt – 15 Punkte mehr als zu Beginn des Wahlkampfes prognostiziert. Sein Rückstand auf den hoch gewetteten Kandidaten der rechtsliberalen Regierungspartei PO, Bronislaw Komorowski (41 Prozent), betrug nur noch wenige Punkte. Am 4. Juli kommt es nun zu einer Stichwahl um das Präsidentenamt. „Und dann gilt es!“, rief ein strahlender und kampflustiger Kaczynski seinen feiernden Anhängern zu. „Der Glaube an den Sieg ist der Schlüssel zum Sieg. Diese Wahlen sind noch nicht entschieden!“

Entschieden ist nichts
In der Tat: Das Rennen um das höchste polnische Staatsamt ist noch nicht gelaufen. Komorowski ist zwar weiterhin klarer Favorit. Blitzumfragen nach dem ersten Wahlgang prophezeiten ihm für die zweite Runde 54 Prozent der Stimmen (Kaczynski: 35, Unentschiedene: 11). Doch die Unwägbarkeiten bleiben groß. Offen ist vor allem, wie sich in zwei Wochen jene Wähler verhalten werden, die am Sonntag für den Sozialisten Grzegorz Napieralski gestimmt haben (13 Prozent). Den Linken ist der erzkonservative Kaczynski zwar regelrecht verhasst. Schließlich war er es, der als Premierminister vor einigen Jahren eine radikale Abrechnung mit der kommunistischen Vergangenheit Polens ins Werk setzen wollte. Und dennoch: „Niemand garantiert Komorowski, dass die Linkswähler am 4. Juli nicht gleich ganz zu Hause bleiben“, wie der Warschauer Politologe Artur Wolek am Montag analysierte.

Was machen die Linken?
Die Beteiligung dürfte denn auch zum entscheidenden Faktor bei der Stichwahl werden. Kaczynski rekrutiert seine Anhänger vor allem unter den Älteren und auf dem Lande. Sie gelten als zuverlässige Stammklientel. An einem Wahlsonntag strömen sie traditionell erst in die Kirchen und anschließend an die Urnen. Komorowski und die PO dagegen, die für eine weitere Modernisierung Polens eintreten, leben von einem hohen Mobilisierungsgrad in der jungen und städtisch geprägten Bevölkerung. Experten wie der Warschauer Politologe Jacek Kucharczyk sprechen von „äußerst unzuverlässigen Wählern“. Statt ihre Stimme abzugeben, fahren sie im Zweifel lieber ins Grüne – insbesondere im Hochsommer.

Erinnerungen an das Drama von 2005 werden wach
Am Sonntag lag die Wahlbeteiligung mit knapp 55 Prozent auf einem für polnische Präsidentenwahlen durchschnittlichen Niveau. Doch Kucharczyk prophezeit für den 4. Juli deutliche Einbrüche: „Mitten in der Urlaubszeit ist es nicht ausgeschlossen, dass die Beteiligung sogar unter 40 Prozent fällt.“ Angesichts dieser Zahlen werden bei vielen Polen bereits Erinnerungen an das Jahr 2005 wach. Damals kämpfte der heutige Regierungschef Donald Tusk, ein Parteifreund und enger Vertrauter Komorowskis, gegen Lech Kaczynski um den Einzug in den Präsidentenpalast. Alle Umfragen sagten dem Liberalen damals einen deutlichen Sieg voraus – doch am Ende triumphierte Kaczynski.

Nichte Marta gibt dem Wahlkampf ein sympathisches Gesicht
Nun will es ihm Zwillingsbruder Jaroslaw gleichtun. Offen ist allerdings, mit welcher Taktik Kaczynski in die Wahlkampf-Verlängerung gehen wird. Bislang hatte der einstige Scharfmacher auf eine Kampagne der leisen Töne gesetzt. „Polen ist das Wichtigste“, ließ er staatstragend plakatieren – als gäbe es nach der Katastrophe von Smolensk keine Parteien mehr, sondern nur noch die Nation. Am Sonntagabend jedoch klangen bereits andere Töne an. Wer glaube, dass er die politischen Differenzen zu Komorowski kleinreden wolle, der täusche sich, sagte Kaczynski. „Es gibt zwischen uns Unterschiede absolut grundsätzlicher Art“, verkündete er im Beisein seiner Nichte Marta. Die 30-jährige Tochter des verunglückten Lech Kaczynski gibt dem Wahlkampf des Onkels ein sympathisches Gesicht. Und so ist es auch ihr Erfolg, dass „die Polen“, wie Politologe Kucharczyk sagt, „neues Vertrauen zu Jaroslaw Kaczynski gefasst haben.“

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