Die Grenzen der Kreativität

Journalisten wie Politiker neigen zur Übertreibung. Muss man sich darüber aufregen?

„Deutschland über alles”
Dieses Tor sei für den Klose doch sicher ein innerer Reichsparteitag“ gewesen, schwadronierte ZDF-Reporterin Katrin Müller Hohenstein zum Beginn der Fußball-WM. Die gute Frau musste sich ob des verbalen Ausrutschers entschuldigen. Man kann es mit der politischen Korrektheit allerdings auch übertreiben. Nicht nur in Großbritannien, wo es in den Medien reelmäßig „hitlert“ – nein, auch in Polen sist man weniger schmerzempfindlich. Die Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ etwa titelte in ihrer Berichterstattung über die WM-Elf des ungeliebten Nachbarlandes: „Deutschland über alles“. Sollte heißen: Die jungen Bundesliga-Kicker, die in ihren Vereinen teilweise eine katastrophale Saison absolviert hatten, „blühen im Nationaltrikot regelrecht auf“. Beklagt hat sich niemand über die Schlagzeile. Und einmal abgesehen davon, ob sie die Realität richtig beschreibt (woran es Zweifel geben kann) – die Überschrift zeugt doch durchaus von Kreativität.

Wahlkampf vor Gericht
Weniger einfallsreich als bei der „Gazeta“, aber ähnlich verbissen wie im ZDF geht es im polnischen Präsidentschaftswahlkampf zu. Bronislaw Komorowski hat soeben seinen Konkurrenten Jaroslaw Kaczynski per Gerichtsdekret in die Schranken gewiesen. Letzterer darf nun nicht mehr behaupten, Ersterer trete für eine Privatisierung der polnischen Krankenhäuser ein. Natürlich nutzte Kaczynski die juristische Auseinandersetzung, um das Thema, bei dem er zu punkten hofft, erst recht auszuwalzen.

Daumen drücken für Kaczynski?
Überhaupt ist die Komorowski-Kampagne derart öde, dass man als Beobachter geneigt ist, dem um seinen Zwillingsbruder trauernden Kaczynski die Daumen zu drücken. Schon aus Mitleid. Gut möglich, dass das die Mehrheit der Polen auch so sieht und Kaczynski in der Stichwahl am 4. Juli zum Sieg verhilft. Andererseits wäre ein Triumph für den einstigen „Deutschenhasser“, der seit langem unter einem Popularitätsdefizit leidet, womöglich ein „innerer Reichsparteitag“ – und das kann nun wirklich niemand wollen.

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