In falschem Licht

Polen ist „in“. Doch noch immer nehmen wir unsere Nachbarn durch einen Zerrspiegel wahr.

Land in Sicht
Das Baltic Media Forum in Lübeck und das Schleswig-Holstein Musik Festival haben sich Polen zum Schwerpunktland gewählt. Das ist prima. Aber es bleiben Fragen offen. Beispiel Baltic Media Forum: Dort soll es vor allem um die gemeinsame Identität im Ostseeraum gehen. Schon mit Blick nach Skandinavien kann man Zweifel hegen, ob es so etwas überhaupt geben kann. Mal ehrlich: Was verbindet uns Schleswig-Holsteiner mit den Finnen? Der Blick nach Polen aber verrät: Die Ostsee spielt dort als identitätsstiftender Faktor keine nennenswerte Rolle. Sicher, es gibt die Strahlkraft Danzigs. Ansonsten aber definiert sich Polen eher kontinental.

Cornelia Pieper als Stargast
Auch außerhalb Schleswig-Holsteins steht Polen hoch im Kurs. Dresden etwa lädt zu den Deutsch-Polnischen Medientagen. Auch prima. Aber das Programm überzeugt nur mäßig. Da hält mit Hans-Gert Pöttering ein ehemaliger Präsident des EU-Parlaments die Eröffnungsrede. „Stargast“ ist die Polen-Beuftragte der Bundesregierung, Cornelia Pieper. Und debattiert wird über europäische Ostpolitik und anderes mehr. Nur von der polnischen Präsidentenwahl ist nirgendwo die Rede. Mag sein, dass bei einer langfristigen Planung ein solch aktuelles Thema schwer unterzubringen ist. Aber die Flugzeug-Katastrophe von Smolensk und die Folgen haben nun einmal Auswirkungen auf das deutsch-polnische und vor allem das deutsch-russische Verhältnis.

Auf Wachstumskurs – trotz Bibern im Deich
Wichtiger als diese durchaus lobenswerten „Gipfeltreffen″ bleibt denn doch die laufende Berichterstattung über Polen. Und da liegt weiter einiges im Argen. Die letzten Tage haben es wieder gezeigt. Jaroslaw Kaczynski ist für Schlagzeilen gut. Weil er seiner kranken Mutter den Tod des Sohnes bzw. Bruders Lech verschwiegen hat. Oder weil er das Hochwasser zum Wahlkampfthema macht. Ansonsten ist aber im Zusammenhang mit der „Flut“ fasst nur vom katastrophalen Deichbau bei unseren Nachbarn die Rede. Oder von den peinlichen Ausreden des Innenministers, die Biber hätten die Dämme zerfressen. Lustig ist das, wirft aber ein falsches Licht auf unser Nachbarland. Tatsächlich nämlich geht es dort voran. Man kann gar nicht oft genug darauf verweisen, dass Polen das einzige EU-Land ist, dass mit einem Wachstum die Weltwirtschaftskrise überstanden hat. Chapeau!

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