Dann ist Polen offen

Eine Woche in Polen, eine Woche im Regen. Von Resignation und Trübsinn ist in Poznań und Warschau allerdings wenig zu spüren.

Soldaten schichten Sandsäcke auf. Polen befindet sich für ein paar Tage im Verteidigungszustand. Der Feind aber kommt weder aus den russischen Weiten im Osten noch aus dem nahen deutschen Westen. Er kommt von oben. Es regnet. Es regnet so gewaltig, dass die sonst wenig beeindruckenden polnischen Flüsse zu Strömen anschwellen. Ein Dutzend Menschen stirbt in den Fluten.

Gelassenheit in der Neuen Welt
Ich selbst beobachte den Ausnahmezustand während einer einwöchigen Polenreise nur über die Medien. In Poznań und Warschau bleibt das große Drama bis zu meiner Abreise aus. Es regnet still vor sich hin. Die Menschen nehmen es gelassen. Überhaupt wirken die vorwiegend jungen Leute – auf dem Posener Altmarkt ebenso wie in der Neuen Welt Warschaus, in der Einkaufsstraße Nowy Swiat – ruhig, freundlich und offen. Sie lassen den Regen über sich ergehen wie den beginnenden Präsidentschaftswahlkampf.

Der gezügelte Kaczynski trabt hinterher
„Stabilität”, sagt Knut Dethlefsen, der Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Warschau, „Stabilität” sei für die Polen nach den Wirren der Kaczyński-Zeit „von herausragender Bedeutung”. Und so werden die Menschen zwischen Oder und Bug am 20. Juni wohl den bärbeißig-langweiligen Bronislaw Komorowksi zum Präsidenten küren. Der überlebende Kaczyński-Zwilling Jaroslaw versucht zwar, seine einst gefürchtete Schärfe zu zügeln und sich als gereifter Staatsmann zu präsentieren. Doch die Umfragen sprechen derzeit dafür, dass der liberal-konservative Komorowski schon in der ersten Wahl-Runde die absolute Mehrheit erringen könnte.

Die Sandsäcke der Polit-Szene
Polens Politiker sind weniger offen als die Menschen auf der Straße. So jedenfalls berichtet es Katya, die für Bloomberg TV arbeitet. Sie ist genervt von all den Pressestellen, die „nur daran arbeiten, jeden Informationsfluss zu verhindern”. Womöglich sind diese „Halbprofis”, wie Katya sie nennt, die Sandsäcke der polnischen Polit-Szene. In der Nacht der Museen begegnet mir eine ganz andere Mentalität. Die Menschen strömen in Massen zu den zahlreichen Konzerten und in die geöffneten Ausstellungen. Kultur als Lebenselixier. Wäre das in Deutschland denkbar?

Im Innern stark, nach außen offen
Woher der Spruch „Dann ist Polen offen” stammt, muss ich nach einer flüchtigen Google-Recherche offen lassen. Am einleuchtendsten klingt die These, der Halbsatz beziehe sich auf die Endphase der Adelsrepublik. Zerstritten und geschwächt dämmerte das Land im 18. Jahrhundert seinem Untergang entgegen – offen für Übergriffe von außen. Preußen, Russen und Österreicher fielen dann ja auch über das „offene Polen” her. Heute, so scheint mir, ist Polen wieder offen. Aber aus einer neu gewonnen inneren Ruhe und Stärke heraus. Offen in einem guten Sinne.

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