Polen am Scheideweg

Nach der Kaczynski-Beisetzung steht eine politische Neubestimmung bevor – ein Kommentar.

Eine Woche lang haben die Polen nach der Flugzeugtragödie von Smolensk gemeinsam getrauert. Die ergreifende Gedenkfeier in Warschau und das Staatsbegräbnis für Präsident Lech Kaczynski in Krakau haben eine im Leid geeinte Nation gezeigt. Doch noch ist keineswegs ausgemacht, dass die alten Wunden auch wirklich verheilen können, die der Kommunismus, die Rund-Tisch-Revolution von 1989 und die Kaczynski-Ära geschlagen haben.

Alle drei Aspekte gehören zusammen. Die Brüder Kaczynski wollten in Polen eine neue, eine „Vierte Republik” schaffen. Das Projekt zielte darauf ab, die Einigung, die Solidarnosc-Führer Walesa 1989 mit General Jaruzelski ausgehandelt hatte, als Anhäufung fauler Kompromisse zu entlarven. Die gewendeten Parteikader, so die These der Kaczynskis, waren nach 1989 an den Schalthebeln der Macht in Politik und Wirtschaft verblieben.

Völlig falsch war all das nicht. Tatsächlich hatte sich die kommunistische Nomenklatura relativ unbeschadet in die neue Zeit hinübergerettet. Aber das Projekt der „Vierten Republik” war ausschließlich rückwärtsgewandt. Und es spaltete das Land. Denn längst hatte sich, unabhängig von dem Streit der alten Revolutionäre, ein junges, modernes, aufstrebendes und europäisch denkendes Polen entwickelt. Die Regierung von Premier Donald Tusk steht für diese wahrhaft neue Republik.

Nach dem Tod von Lech Kaczynski wittert die polnische Rechte Morgenluft. Die patriotische Aufwallung der Trauertage könnte den Nationalkonservativen Zulauf bescheren, so die Hoffnung. Der heraufziehende Präsidentschaftswahlkampf ist deshalb ein Lackmustest für unser östliches Nachbarland. Im Kern geht es um die Frage, ob Polen sich 20 Jahre nach dem Ende der Spaltung Europas zu einem reifen Land im Herzen der EU entwickeln kann. Viel spricht dafür, dass es so kommt. Doch die Antwort müssen die Wähler erst noch geben.

Erschienen in Flensburger Tageblatt (19. April 2010)

One comment

  1. Jetzt müsste sich noch Deutschland zu einem reifen Land im Herzen Europas entwickeln. Vieles spricht dagegen, was man an den zunehmenden Alleingängen Deutschlands innerhalb der EU wunderbar sehen kann.

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