Kaczynski im polnischen Pantheon

Polens tödlich verunglückter Präsident Lech Kaczynski ist in Krakau beigesetzt worden – ein Begräbnis mit Beigeschmack.

„Das ist ein Fehler.” Ginge es nach dem Warschauer Taxifahrer Marek Bokarski, hätte der polnische Präsident Lech Kaczynski gestern nicht auf dem Krakauer Wawel beigesetzt werden dürfen. Der Streit um die Grabstätte in der Königsburg ist nicht verstummt. Selbst an diesem Wochenende der Trauer nicht, an dem die Polen in zahlreichen ergreifenden Zeremonien die 96 Toten des Flugzeugabsturzes von Smolensk ehren.

Die Krypta auf dem Wawel ist Monarchen und Nationalhelden vorbehalten – eine Art polnisches Pantheon. Nun liegt auch Kaczynski dort. Doch von Heldentum will Taxifahrer Bokarski in diesem Falle nichts wissen. „Die Flugzeug-Katastrophe ist eine Tragödie”, sagt der 39-Jährige mit Volkes Stimme, „aber als Politiker hat Kaczynski Polen nichts Gutes beschert. Mit seinem Nationalismus und Konservatismus hat er unser Land gespalten und unsere Nachbarn nur geärgert. Euch Deutsche besonders.”

Angela Merkel dürfte dem insgeheim zustimmen. Allzu oft hat die Bundeskanzlerin mit Lech Kaczynski und seinem Zwillingsbruder Jaroslaw politisch gerungen, in Fragen der europäischen Einigung etwa und im Streit um das Vertriebenenzentrum. Dass die deutsche Regierungschefin gestern nicht in Krakau dabei ist, hat allerdings andere Gründe. Die isländische Aschewolke bremst die Kanzlerin aus – wie auch US-Präsident Barack Obama, Frankreichs Staatsoberhaupt Nikolas Sarkozy und viele andere Ehrengäste. Gekommen war immerhin Russlands Staatschef Dmitri Medwedew.

Die Polen ficht die reduzierte „Starbesetzung” nicht an. In der Krakauer Altstadt drängen sich Hunderttausende. Fassungslosigkeit und Trauer sind im ganzen Land mit Händen zu greifen. Das Fernsehen überträgt rund um die Uhr live, in vielen Innenstädten sind Videoleinwände aufgestellt. Bereits am Sonnabendmittag versammelt sich eine halbe Million Menschen auf dem Pilsudski-Platz im Herzen Warschaus, um bei der zentralen Trauerfeier Abschied von den Verstorbenen zu nehmen. Viele Zuhörer lassen ihren Tränen freien Lauf, andere schwenken Fähnchen in den Nationalfarben Rot und Weiß.

„Dies ist eine schwere Zeit für alle Polen”, beschreibt Ewald Dukaczewski die Gefühlslage der Menschen. Der 60-jährige Pensionär ist über Hunderte Kilometer angereist, um bei dem Gedenken in Warschau dabei zu sein. „Uns ist eine Tragödie widerfahren, die in der Geschichte ihresgleichen sucht.” Im Leid zeigt sich das Land geeint. Wäre da nicht der Ärger um die letzte Ruhestätte für Kaczynski. Auch Dukaczewski macht keinen Hehl daraus, dass er das Begräbnis auf dem Wawel für eine schamlose Übertreibung hält. „Das ist nicht gut, das provoziert nur neuen Streit.”

„Kaczynski ist ein Patriot gewesen”, sagt dagegen der 25-jährige Andrzej, ein Priesterseminarist aus Lodz. „Und er hat sich immer für Menschen in Not eingesetzt.” Die katholische Kirche hat sich für die Beisetzung des Präsidenten in Krakau stark gemacht. Kaczynski sei auf dem Weg zum Gedenken in Katyn gestorben und damit für sein Volk. In Katyn hatten Stalins Schergen 1940 tausende polnische Offiziere ermordet. Bei den Gedenkgottesdiensten in Warschau stellen die Bischöfe den verunglückten Präsidenten in eine Reihe mit den ganz Großen des Landes. Selbst der Name von Papst Johannes Paul II. fällt.

Offen widersprechen will der Überhöhung Kaczynskis durch Konservative und Katholiken in diesen Tagen der Trauer kaum jemand. Und so wird der Leichnam des Präsidenten schließlich in einem schlichten Alabastersarg in die Krypta auf dem Wawel gebracht. Der Streit um das politische Erbe Lech Kaczynskis dürfte nun allerdings erst beginnen. In rund acht Wochen wählen die Polen seinen Nachfolger.

Erschienen in „Flensburger Tageblatt” (19. April)

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