Trauer-Hype auf polnische Art

Polen trauert. Aber manche Auswüchse lassen den deutschen Betrachter ratlos zurück.

Alles Wolke oder was?
Warszawa-Berlin-Express gibt es nur ein Thema: den isländischen Ascheregen und seine Folgen für den Fugverkehr in Europa. Man spricht Englisch hier, will weiter nach Holland oder in die USA. Auch ich möchte endlich nach Hause, bin auf meinem Rückweg aus Litauen in Warschau gestrandet. Also alles Vulkan oder was? Keineswegs, jedenfalls in Polen nicht. Dort überschattet nicht die Aschewolke das Leben, sondern die Trauer um die Toten von Smolensk. Eine Woche nach der Flugzeug-Katastrophe befindet sich das Land noch immer im Ausnahmezustand. Zumindest die Hauptstadt.

Weinen und Fähnchen schwenken
Meinen unfreiwilligen Stopp in Warschau nutze ich zur Berichterstattung über die Trauerfeier für Präsident Lech Kaczynski und die anderen 95 Opfer des Absturzes. Beobachtet habe ich alles live, habe genau hingesehen, mit den Leuten geredet, die da weinen und Fähnchen schwenken. Doch so recht weiß ich immer noch nicht, was ich von all dem halten soll.

Kumpel, Pfadfinder, napoleonische Krieger
Da sind die Kostümierten, wie ich sie im Zwiegespräch mit mir selbst nenne. So zumindest kommen sie mir vor. Schlesische Bergleute und Werftarbeiter etwa treten in Blaumännern und mit Schutzhelmen auf, die Solidarnosc-Standarte im Anschlag. Nun gut, das mag noch angehen, schließlich hatte Kaczynski Wurzeln in der Gewerkschaftsbewegung der 80er Jahre. Doch was ist mit den Hunderten junger Leute in Pfadfinder-Uniformen, was mit den Kirchenmännern in Talar oder Mönchskutte? Und was ist schließlich mit Maciej und Tadek, die vor einem Dixi-Klo in der Schlange stehen, gewandet in Militäruniformen aus der Zeit der Napoleonischen Kriege? Sie alle erklären mir, dass sie gekommen seien, um den Präsidenten zu ehren. Auch durch ihre Kleidung. Kaczynski sei ein großer Patriot gewesen. Sind die Polen also ein Volk unverbesserlicher Nationalisten?

Dabeisein ist alles
Dann sind da die Event-Touristen. Mit Minikamera sind sie auf der Jagd nach den besten Bildern. Sie recken und strecken sich, um einen Blick auf den Präsidentensarg zu ergattern, der auf einem Panzerwagen durch die schmalen Altstadtgassen transportiert wird. Von Trauer keine Spur, Dabeisein ist alles. Kaum ist der Sarg um eine Ecke gerollt, streben sie dem nächstgelegenen Cafe zu. Am besten mit Blick auf eine der Videoleinwände, die im Zentrum der Hauptstadt aufgestellt sind. Public Mourning. Alles ein ganz normaler Hype also?

Trauer als Routine-Veranstaltung
Und schließlich gibt es viel ehrliche Anteilnahme. Dass sich innerhalb von vier Tagen 150.000 Menschen in eine Schlange einreihen, um an den aufgebahrten Särgen Abschied von Kaczynski und seiner Ehefrau Maria zu nehmen, spricht Bände. Und die Tränen, die bei der Trauerfeier fließen, sind auch echt. Dennoch wirkt das Geschehen plötzlich wie Routine, insbesondere als die Totenmesse beginnt. Die festen Abläufe der Liturgie tun ein Übriges. Sind die Polen also doch vor allem ein Volk eingefleischter Katholiken?

Die Wirtschaftskrise ist wichtiger als der Präsidententod
Es ist wahrscheinlich von allem etwas dabei. Bei meiner Abreise aus Warschau überwiegt das Gefühl, dass die Katastrophe von Smolensk Polen nicht dauerhaft verändern wird. Dafür ist das Land inzwischen viel zu stark eingebettet in europäische und globale Entwicklungen. Wie sich die Finanz- und Wirtschaftskrise oder die Klimapolitik auswirken, ist von weit größerer Bedeutung für den Gang der Dinge als der tragische Tod des Präsidenten. Insofern hat es durchaus etwas Symbolisches, dass US-Präsident Obama nicht zur Beisetzung nach Krakau kommen konnte. Wegen der Aschewolke.

One comment

  1. Lieber Herr Krökel,
    danke für diesen (wenn auch eher unfreiwilligen) Artikel. Er gibt mir einen recht guten Eindruck von den Warschauer Trauernden. Ich selbst war 18. April (eher zufällig) in Kraków und habe dort selbst Erfahrungen machen dürfen.
    Paradierende Solidarność-Anhänger aus dem ganzen Land, Pfadfinder, die sich gemäß ihrem Kodeks stets und ständig bemühten, den Leuten behilflich zu sein. Sei dies durch das Verteilen von Karten der Sicherheitszonen oder von Wasserflaschen (es war brütend heiß an jenem Sonntag).
    Unser Hostel lag direkt am rynek, und das hieß für mich und meinen portugiesischen Kollegen (beides sind wir ERAMUS-Studenten in Opole): Am Tag X gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder in aller Frühe auschecken und sich von grimmigen Polizisten über den Markt, vorbei an der Basilika aus der „schwarzen Zone“ eskortieren lassen, oder aber bis abends im Hostel bleiben, kein Fenster öffnen, nicht mal ans Fenster treten! Wir entschieden uns dann lieber für Möglichkeit eins, gingen nach Kazimierz und umrundeten schließlich die Altstadt.
    So kam es dann auch leider nicht zu Begegnungen mit denen, die eine Karte für das Spektakel hatten, also den trauernden Polen. Hm, nicht ganz! Am Samstag abend war in unserem fast leeren Schalfsaal plötzlich ein weiteres Bett belegt. Małgorzata, die extra aus Szczecin angereist war, die obligatorische Adler-Flagge bei sich trug und am Sonntag ab fünf Uhr morgens in der ersten Reihe bei den Absperrungen warten wollte. Eine junge Frau, überzeugte Katholikin, begeistert von ihrem Präsidenten, tief erschüttert durch seinen Tod. Er sei der letzte Patriot gewesen, er habe sich nicht vor anderen geduckt. Die Zukunftsaussichten sahen dementsprechend düster aus: jetzt kommen die an die Macht, die Polen ausverkaufen wollen, EU-Freunde, Juden. Da stellten sich mir schon die Haare zu Berge. Als mir Małgorzata dann allerdings vom künstlich erzeugten Nebel in Smolensk, von russischer Verschwörung und Flugzeugsabotage zu erzählen begann, verabschiedete ich mich höflich auf ein Bier. Zur Abkühlung.
    Małgorzata hat für mich eine von Boulevardpresse und so manch anderen Akteuren gefütterten Angst in Polen dargestellt, der nur schwer beizukommen ist, da sie lautstark auftritt und argumentative Kraft ausstrahlt. Hier wünsche ich mir Linderung durch Dialog und Gespräch. Vielleicht nach der Trauer.

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