Über allem schwebt drohend die Wolke

Die Aschewolke hat mich kalt erwischt – Erfahrungsbericht eines in Litauen gestrandeten Flugpassagiers.

Island ist fern. Denkt man. Doch mit der Geschwindigkeit, mit der die isländische Vulkanwolke auf den Kontinent zurollt, breiten sich bei Millionen Europäern Unsicherheit und Verwirrung aus. Zumindest bei allen, die in diesen Tagen fliegen wollen. Oder müssen. Wie jene schleswig-holsteinische SPD-Delegation, die es zu einer Ostsee-Konferenz ins litauische Vilnius verschlagen hat. Landeschef Ralf Stegner ist dabei, Partei-Urgestein Björn Engholm, Europa- und Landtagsabgeordnete. Und über allen schwebt drohend die Wolke.

Die teuflische Asche dringt via Iphone und Laptop in den Tagungssaal – in Form erster Eilmeldungen über die Kollateralschäden der Vulkanexplosion. Die Briten haben ihre Flughäfen geschlossen, heißt es, die Skandinavier auch. Türen klappen, Handy-Gespräche dringen über die Flure. Die Unruhe erfasst zunächst die Teilnehmer aus Schweden und Finnland, die noch an diesem Donnerstagabend fliegen wollen. Ist das zu schaffen: per Bus an die Küste und weiter mit der Fähre?

Das Wasser wird wieder zum feindlichen Element
Zu diesem Zeitpunkt beharken sich Stegner und Engholm noch voller Leidenschaft für das Meer. Sollte Ostseeraum-Politik visionär sein (Engholm) oder pragmatisch (Stegner)? Für die Wolke interessieren sie sich nicht. Noch nicht. Man will ohnehin bis zum Sonnabend in Litauen bleiben. Für die Skandinavier dagegen wird das Wasser, über das die Deutschen reden, von einem Augenblick zum anderen wieder zu einem feindlichen Element, das es zu überwinden gilt.

Niemand bewahrt die Ruhe so demonstrativ wie Björn Engholm
Holland, Belgien, Nordfrankreich – alles dicht. Als die Konferenz bei Schnittchen und Wein ausklingt, melden auch Hamburg und Berlin: „Nichts geht mehr.” Und nun? Ruhe bewahren. Niemand kann das so demonstrativ wie Engholm. Pafft eine Tabakwolke in die Luft und beschließt, Vulkanasche Asche sein zu lassen und eine Nacht darüber zu schlafen. Doch die Wolke lastet am Freitagmorgen noch immer auf Europa.

Gesucht: ein Mensch
Es muss doch abseits all der Hotlines und Websites einen Menschen aus Fleisch und Blut geben, der uns das Geschehen erklären kann. Ein Besuch im Airline-Büro zeigt das ganze Ausmaß der Katastrophe. Eine übereilt geschminkte Dame – oder hat sie geweint? – sitzt zwischen vier dauerklingelnden Telefonen. „I can’t tell you anything”, stößt sie hervor. „Ich weiß von nichts.” Europa liegt am Boden.

In der Not werden die Genossen solidarisch
Die Genossen haben sich inzwischen in einem solidarischen Akt dazu durchgerungen, einen litauischen Bus zu chartern. Ziel: Warschau. Von dort soll es akzeptable Zugverbindungen nach Berlin und weiter gen Norden geben. Für die Strecke Vilnius-Hamburg dagegen spuckt die Bahnauskunft 25 Stunden Reisezeit aus – mit einem Abstecher nach Weißrussland.

Am Horizont droht der Blutregen
Was folgt, ist ein Ritt über litauische und polnische Schnellstraßen. Oder was man hier so nennt. Engholm hat sich seine gute Laune bewahrt, verteilt im Bus witzelnd Proviant. Doch jenseits der Fenster verdüstert sich allmählich der Himmel. In den Medien war am Morgen von bevorstehendem „Blutregen” die Rede. Die Schleswig-Holsteiner erreichen Warschau wohlbehalten. Und haben etwas gelernt: Island, das der EU beitreten will, ist gar nicht so weit weg.

2 comments

  1. Ich freue mich, dass endlich wieder geflogen wird. Durch die ganze Sache wurde ja mittlerweile genug Schaden angerichtet und viele Urlauber mussten darunter leiden. Zumindest die Umweltaktivisten haben sich darüber gefreut, denn die haben sich ja schon lange einen Tag gewünscht, an dem nicht geflogen wird. Das es nun gleich mehrere Tage werden, hat sie wohl noch mehr gefreut. Aber man muss es auch prositiv sehen, immerhin haben wir damit unserer Umwelt einen großen Gefallen getan.

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