Was Europa im Innersten zusammenhält

Wenn von der Europäischen Union die Rede ist, fällt unweigerlich der Begriff bürokratisches Monster. Oder es werden Loblieder angestimmt, meist in historischer Tonlage. Jenes von der Friedensgemeinschaft etwa. Bei meinem ersten Besuch in Brüssel konnte ich mir einen eigenen Eindruck verschaffen. Schwarz und Weiß mischen sich nicht zwangsläufig zu Grau.

Zwischen Genie und Erschöpfung
Radek, Ewa und Tomek* thronen hinter einer dicken Glasscheibe, gestikulieren. Dann wieder lehnen sie sich erschöpft zurück, reiben sich die Schläfen – bevor sie erneut wie gebannt lauschen und hochkonzentriert sprechen. Sie untermalen die Worte, die nicht die ihren sind. Denn die drei jungen Polen sind Simultan-Dolmetscher in Brüssel. Vom Schwedischen springen sie unmerklich ins Englische, übersetzen aus ihrer Muttersprache. Und umgekehrt.

Auf der Suche nach einer gemeinsamen Sprache
Es ist eine Wahnsinnsleistung, die zu bestaunen sich an diesem Dienstag mitunter mehr lohnt, als den Konferenzteilnehmern zu folgen. Um Europas Makro-Regionen geht es bei dem eintägigen Mammuttreffen. Um die Ostseeraum-Strategie der EU zum Beispiel oder um die Donau-Region. Doch was Europa ausmacht und im Innersten zusammenhält, das kann man am besten an den jungen polnischen Dolmetschern und ihren Kollegen aus den anderen EU-Staaten beobachten. Menschen kommen zusammen und suchen nach einer gemeinsamen Sprache – jenseits aller Mentalitätsunterschiede und politischen Differenzen.

Ein politisches Metasystem verselbstständigt sich
Macht man sich dies klar, dann wird auch der Brüsseler EU-Moloch erträglicher. Denn das ist Europa auch: ein politisches Metasystem, das ein Eigenleben führt. Oder zumindest ständig in der Gefahr schwebt, sich zu verselbstständigen. Die meisten Politiker, Wissenschaftler und Bürokraten, die hier diskutieren, denken in Strukturen, in Projekten, in Strategien. Da werden Schaubilder auf die Monitore gezaubert, die regionale Cluster kreieren, die es in der realen Welt so nicht gibt.

Ein Krake würgt den Kontinent
Was etwa verbindet Hamburg und Toulouse außer der gemeinsamen Airbus-Fertigung? Dass sich Berlin in die Ostseeraum-Strategie einklinkt, mag pfiffig sein, denn es geht ja um viel Geld. Das Beispiel zeigt aber, dass sich die komplizierten (und immer komplizierter werdenden!) EU-Strukturen wie Krakenarme über den Kontinent legen und sein Eigenleben zu erdrosseln drohen. Niemand sollte sich also wundern, wenn Radek, Ewa und Tomek* eines Tages beim Übersetzen einfach nur noch die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

* Die Namen sind erfunden, die drei jungen Leute habe ich live erlebt.

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