Versöhnung über Gräbern

Die Flugzeugtragödie von Smolensk hat Polen in tiefe Trauer gestürzt. Doch es gibt auch Zeichen der Hoffnung – ein Kommentar.

Die Märtyrer-Rolle gehört zum historischen Selbstverständnis Polens. Im 18. Jahrhundert zerschlugen Preußen, Österreicher und Russen das Land. Bis zum Ersten Weltkrieg unterdrückten die Großmächte den Unabhängigkeitsdrang des stolzen Volkes  immer wieder mit nackter Gewalt. Der polnische Nationaldichter Adam Mickiewicz prägte zu dieser Zeit den Begriff des „Christus der Völker“, der für die Freiheit aller leide. Im Zweiten Weltkrieg wiederholte sich die Tragödie. Hitler und Stalin tilgten Polen erneut von der politischen Karte Zentraleuropas. Der Name Katyn steht für einen Teil dieser Katastrophe. Stalins Schergen löschten dort jenen Rest der polnischen Elite aus, der nicht den Nazis zum Opfer gefallen war.

Ausgerechnet nahe Katyn sind nun Polens Präsident und zahlreiche führende Politiker des Landes ums Leben gekommen. Wer könnte es den Polen da verdenken, wenn sie sich einmal mehr in ihrer Märtyrer-Rolle bestätigt sähen? Doch so wird es nicht kommen. Das entsetzliche Unglück in Smolensk zeigt schlaglichtartig, wie grundstürzend und nachhaltig  sich die Lage in Europa durch den Fall des Eisernen Vorhanges  verändert hat. Die Welt trauert   – insbesondere aber leiden in diesen Tagen Deutsche und Russen ehrlichen Herzens mit den Polen. Der Schicksalsschlag, der unsere östlichen Nachbarn getroffen hat, kann die so lange verfeindeten Nationen deshalb näher zusammenführen. Der Schulterschluss von Polens Premier Tusk und Russlands Regierungschef Putin an den Gräbern von Katyn trägt in dieser Hinsicht Züge eines Fanals der Versöhnung.

Der so tragisch ums Leben gekommene Präsident Lech Kaczynski stand nicht für eine solche Politik der Annäherung. Im Gegenteil: Er und sein Zwillingsbruder Jaroslaw witterten allerorten Feinde. Im Innern lehnten sie die Kompromisse der Rund-Tisch-Revolution von 1989 ab. Sie wähnten sich umzingelt von alten kommunistischen Seilschaften. In der Europäischen Union erhoben sie die Konfrontation zum politischen Prinzip.
Nicht zuletzt schürten die national-konservativen Kaczynskis in ihren Wahlkämpfen den Hass auf Russen und Deutsche. Polens Bürger, die großteils begeisterte Europäer sind, sind diesen Weg nicht mitgegangen. Sie haben die Rechtsregierung von Jaroslaw Kaczynski 2007 abgewählt. Und sie hätten allen Umfragen zufolge auch Lech Kaczynski keine zweite Chance im Präsidentenamt gegeben. All das zeigt, dass die Völker im Herzen Europas nicht zur Feindschaft verdammt sind, sondern eine gute Zukunft haben können. Gemeinsam.

Erschienen in: Flensburger Tageblatt (12. April 2010)

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