Ungewollt historisch

Polens Präsident Lech Kaczynski ist bei einem Flugzeugabsturz in Westrussland tödlich verunglückt. Die Welt trauert, aber nach dem zwiespältigen Erbe des nationalkonservativen Poltikers fragt kaum jemand.

In die Trauer mischen sich sensationslüsterne Fragen
Es ist schon sonderbar, wie die Menschen und die Medien auf den – zweifelsohne tragischen – Tod von Lech Kaczynski reagieren. In Polen herrschen Entsetzen, Schock und kollektive Trauer. Das ist verständlich, schließlich starb bei dem Flugzeugabsturz in Smolensk nicht nur der Präsident. Mit ihm kam eine Vielzahl hochrangiger Repräsentanten des Landes ums Leben. Man male sich einmal aus, Kanzlerin Merkel, SPD-Chef Sigmar Gabriel sowie Dutzende weitere Politiker, Militärs und Wirtschaftsführer aus Deutschland wären bei einem solchen Unglück ums Leben gekommen: Ein Horrorszenario! Entsprechend bestürzt reagiert auch das Ausland auf die polnische Katastrophe. Darein mischen sich, insbesondere in den Boulevardmedien, sensationslüsterne Fragen: Was geschah an Bord der Unglücksmaschine? Hat Kaczynski den Piloten zum Landen gezwungen?

Obama lässt sich zu abstrusen Kommentaren hinreißen
Indes: Wer schaut eigentlich einmal nüchtern auf die politische Lebensleistung des getöteten Präsidenten? Dass in Polen die Pietät Vorrang hat und sich keine kritischen Stimmen zu Wort melden, mag noch angehen. Aber muss sich US-Präsident und Friedensnobelpreisträger Barack Obama wirklich zu dem abstrusen Kommentar hinreißen lassen, die Welt habe mit Kaczynskis Ableben einen verheerenden Verlust erlitten? Das hat sie definitiv nicht. Lech Kaczynski war wie sein Zwillingsbruder Jaroslaw ein Spalter. Das gilt für die Innenpolitik, wo die beiden Nationalkonservativen eine „Vierte Republik” installieren wollten. Und das gilt im Verhältnis zur Außenwelt, zur EU, besonders aber zu Deutschland und Russland. Lech Kaczynski stand für ein Denken in Feindbildern.

Aus persönlichem Ehrgeiz die Konfrontaion gesucht
Beide Kaczynskis haben die Ergebnisse des Runden Tisches von 1989 abgelehnt – auch und vor allem aus unbefriedigtem persönlichen Ehrgeiz. Es stimmt ja, dass sich in Polen damals viele Kommunisten die besten Startpositionen für die Nach-Wende-Zeit gesichert haben und jene, die jahrzehntelang unter den roten Herren gelitten hatten, oft erneut leer ausgingen. Dennoch belegt der Zustand des heutigen Polen eindrucksvoll, dass die Grundsatzentscheidungen, die 1989 getroffen wurden, richtig (und vermutlich alternativlos) waren.

Die alten Feindbilder heraufbeschworen
Die Kaczynskis haben auch in Brüssel immer wieder auf Konfrontation gesetzt – man denke nur an das Drama um den Lissabon-Vertrag. In ihren Wahlkämpfen haben sie die alten Feindbilder der aggressiv-expansionistischen Deutschen und Russen beschworen. Den heutigen polnischen Premier Donald Tusk haben sie im Ringen um die Präsidentschaft 2005 als Danziger Deutschtümler verunglimpft. Das Beste an der Kaczynski-Ära ist deshalb, dass sie den Polen offenbar die Augen geöffnet hat für die Realität der Gegenwart. Die Wähler straften die rechten Aufwiegler schnell ab. Das moderne Polen gehört nach Europa – diese Erkenntnis ist in dem Land in den vergangenen fünf Jahren spürbar gewachsen. Wenn das das (ungewollte) Erbe des verunglückten Lech Kaczynski ist, dann wird diese Präsidentschaft immerhin zu Recht in die Geschichte eingehen.

One comment

  1. Nach dem tragischen Tod des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski, frage ich mich wirklich, wie das passieren konnte. Wenn ein Flugzeug 4 mal versucht zu landen, was zur Hölle ist doch da in den Kopf des Piloten gefahren. Hatte der keine Ausbildung oder gab es da keinen Wetterbericht. Für mich klingt das alles sehr merkwürdig. Nun wir werden sehen, was die Untersuchung ergibt.

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