Das Versagen des Kreml

In Moskau hat ein Terroranschlag 38 Menschen in den Tod gerissen. Die Spur führt in den Kaukasus – ein Kommentar.

Die Attentäterinnen von Moskau haben einen vergessenen Kriegsschauplatz ins Bewusstsein der Welt zurückgebombt. Russland hatte in Tschetschenien mit brutaler Härte für  Ruhe gesorgt. Um das Grauen im Nordkaukasus  war es still geworden. Tatsache jedoch ist, dass Gewalt in der Region zum Alltag gehört. Immer wieder kommt es zu Anschlägen. Schießereien zwischen schwer bewaffneten russischen Einheiten und islamisch-nationalistischen Untergrundkämpfern beherrschen die Szenerie. Der Brennpunkt ist dabei inzwischen weniger Tschetschenien. Dort hält eine aus dem Kreml gelenkte Marionettenregierung den Druck aufrecht. Der separatistische Terror jedoch ist „weitergewandert“, vor allem in die Nachbarrepubliken Dagestan und Inguschetien.

Die Anschläge in der Moskauer U-Bahn zeigen deshalb, dass die russische Kaukasus-Politik gescheitert ist. Der Kreml setzt seit Jahren allein auf Unterdrückung. Notwendig wäre dagegen ein Gesamtkonzept für die Region, das neben militärischen vor allem ökonomische und politische Aspekte einbezieht. Die wirtschaftliche Lage an der südrussischen Grenze ist ernüchternd. Armut aber ist  ein Treibriemen des Terrors. Politisch wäre mehr Autonomie für die Teilrepubliken geeignet, den Separatisten Wind aus den Segeln zu nehmen. Wer seine Religion und Kultur ausleben kann, der braucht kein unabhängiges Kaukasus-Emirat.

Hoffnung, dass der Kreml seine Strategie ändern könnte, besteht kaum. Premier Putin reagierte gestern mit einer martialischen Kampfansage auf die Anschläge. Man werde die Terroristen „auslöschen“, tönte er. Und es ist nun einmal Putin, der in der Kaukasus-Politik die Richtung vorgibt – nicht der womöglich etwas einsichtigere Präsident Medwedew. Zu beobachten war diese Rollenverteilung zuletzt im Georgien-Krieg 2008.

In der Region wird also weiter geschossen werden. Der Westen schaut dabei zu. Und er wird weiter zuschauen. Moskau ist in  zu vielen weltpolitischen Fragen zu wichtig, als dass es sich die USA oder die EU wegen ein paar kleiner Völkerschaften im Kaukasus mit dem Kreml verscherzen würden – man denke nur an den Atomstreit mit Iran, an Afghanistan oder die Abrüstungsverhandlungen.

Erschienen in: Flensburger Tageblatt (30. März 2010)

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