Kein Fluch, aber erst recht kein Segen

Anfang April beginnt das Nord-Stream-Konsortium mit dem Bau der Ostsee-Pipeline. Die Technik kann man bewundern. Das Projekt insgesamt aber muss man mit Fragezeichen versehen.

In Vorpommern lagern seit Monaten zahllose Röhren für den Bau der Ostsee-Pipeline. Foto: Pohlmann

Längst liegen zehntausende Röhren bereit. In rund zwei Wochen nun soll es losgehen. „Endlich!”, sagen die Macher. Mit seinen High-Tech-Schiffen will das Nord-Stream-Konsortium die Ostsee-Pipeline verlegen. Schon ab Ende 2011 soll Gas durch die Leitung strömen, die das russische Vyborg mit dem 1220 Kilometer entfernten Greifswald verbinden soll.

Mehr als zehn Jahre lang haben die Nord-Stream-Ingenieure geplant. Fast genauso lange haben die Lobbyisten des deutsch-russischen Konsortiums „Landschaftspflege” betrieben. Altkanzler Gerhard Schröder marschierte dabei voran. Und nun? Ist alles gut?

Wer mit Nord Stream spricht, kann kaum zu einem anderen Urteil kommen. Umweltprobleme? Es werde alles getan, um schädliche Einflüsse zu vermeiden. Politische Streitigkeiten? Selbst die dauerkritischen Polen haben zuletzt Entgegenkommen signalisiert. Die wirtschaftliche Perspektive? Glänzend. Schließlich wachse der Erdgasbedarf in Europa.

Muss man Verdacht schöpfen, wenn Nord-Stream-Sprecher Steffen Ebert anbietet, Texte über den Baubeginn der Pipeline vorher gegenzulesen, um technische Details gegebenenfalls zu korrigieren („Da haben ja alle etwas davon, wenn alles einwandfrei ist”). Ja, spätestens an dieser Stelle sollte ein Journalist stutzig werden.

Mit den Umweltproblemen ist das so eine Sache. WWF und BUND haben gegen die Pipeline geklagt, weil Nord Stream nicht für genügend Ausgleichsmaßnahmen sorge. Ausgang offen. Schlimmer noch: An den – zugegebenermaßen wenigen – Stellen, an denen die Pipeline im Ostsee-Grund verbuddelt werden muss, wirbeln die Verlegearbeiten Stickstoff und Phosphat auf. Das ohnehin schwer atmende Binnenmeer erhält so zusätzlichen Dünger, neue Todeszonen könnten entstehen.

Die politischen Spätfolgen sind noch gar nicht absehbar. Die Pipeline umgeht Polen. Sollte unser östliches Nachbarland erstmals von russischen „Gaskriegern” attackiert werden, wird die EU unweigerlich in eine interne, ost-westliche Schieflage geraten. Denn Nord Stream könnte den Westen des Kontinents problemlos weiter beliefern.

Und selbst wenn dieses Schreckensszenario nicht Realität werden sollte, bleiben Polens Sorgen, denen das Land präventiv begegnet. Vor wenigen Tagen entschied die Regierung in Warschau, den Bau des ersten polnischen Atomkraftwerks voranzutreiben. Zudem setzt Polen weiter auf Klimakiller-Energie aus Kohlekraft – auch um jede Abhängigkeit von russischem Gas zu vermeiden. Beides kann nicht im Interesse Deutschlands und der EU sein.

Schließlich die wirtschaftliche Seite. Es gibt zahlreiche Studien, die den steigenden Bedarf Westeuropas an Erdgas-Importen belegen. Erneuerbare Energien könnten diese Lücke nicht schließen. Völlig falsch ist das sicher nicht. Allerdings ist es mit der Pipeline-Infrastruktur wie mit dem Straßenbau: Neue Wege generieren zu einem gewissen Prozentsatz neuen Verkehr und erschweren die Suche nach Alternativen.

Ist die Ostsee-Pipeline also Fluch oder Segen? Weder noch. Man hätte auf das Projekt verzichten können, verzichten sollen. Eine Katastrophe aber droht durch die Mega-Röhre nun auch wieder nicht. Und wer ein wenig technikbegeistert ist, der wird die Ingenieurskunst der Macher durchaus bewundern können. Gegenlesen lasse ich meine Texte trotzdem nicht.

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