Höchste Zeit auszuwandern

Die Polen finden die Deutschen heutzutage eher langweilig als furchteinflößend. Das ist gut. Und ein wenig frustrierend.

Keine Angst vor den Deutschen
Während in Deutschland das Nicht-Wissen regiert, regiert in Polen die Angst. Hieß es zumindest immer. Noch vor fünf Jahren hielt mehr als jeder dritte Pole den großen Nachbarn im Westen für Feindesland. Direkt nach der Wiedervereinigung lag die Quote sogar noch bei 88 Prozent. Und nun dies: Nur noch jeder siebte Pole (14 Prozent) empfindet heute Furcht vor den Deutschen. Experten wie der Sozialpsychologe Janusz Czapinski werten dies vor allem als Ergebnis der EU-Integration Polens und des damit einhergehenden Wirtschaftsaufschwungs.

Der zahme Riese im Herzen Europas
Schon wahr: Ökonomischer Erfolg kann angstlösend wirken. Und richtig ist auch, dass es vor allem die Berliner Außenpolitik war, die Warschau schnell in die EU geführt hat. Doch als alleinige Erklärung taugt das nicht. Auch in wirtschaftlich stabilen Staaten wie den Niederlanden und Dänemark grassiert schließlich Fremdenfeindlichkeit. Im Falle Polens und Deutschlands ist die Annäherung wohl eher das Ergebnis besseren Kennenlernens. In erster Linie von polnischer Seite, wohlgemerkt. Hinzu kommt, dass der „deutsche Riese” im Herzen Europas schlicht keine Aggressivität mehr ausstrahlt. Wem soll ein Land mit einer sozialdemokratisierten ostdeutschen Klima-Kanzlerin an der Regierungsspitze schon noch Angst einjagen?

Im Land der Langweiler
Seien wir froh darüber. Auch wenn es ein bisschen langweilig ist, manchmal sogar sehr langweilig. So hat es Andrzej Stasiuk in „Dojczland” beschrieben. Alles funktioniert, nichts provoziert mehr im Lande der einstigen Folterknechte. Das stört den abenteursüchtigen Autor. Bei dieser Anti-Thematik kein Wunder, dass das Buch selbst auch langweilig ist (und zudem noch schlecht geschrieben). Ganz Unrecht hat Stasiuk freilich nicht. Die schlichte Frage sei erlaubt: Wann haben sich die Deutschen untereinander eigentlich zuletzt so richtig herzhaft gestritten? Heute kuscheln sogar Schwarze mit Grünen, und wer Westerwelles „spätrömische Dekadenz” zur Debatte stilisiert, weiß nicht, was Streitkultur ist. Höchste Zeit auszuwandern. Nach Polen zum Beispiel.

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