Wissens-Vakuum

Die Kenntnisse über Polen sind in Deutschland ebenso erschreckend wie erstaunlich gering. Womöglich kann die Musik nun ein klein wenig Abhilfe schaffen.

Horror vacui
Kultur verbindet. Sagt man. Also macht das Schleswig-Holstein Musik Festival mit seinem diesjährigen Polen-Schwerpunkt Hoffnung. Hoffnung auf Annäherung. Und Hoffnung darauf, dass sich die (Nord-)Deutschen wirklich einmal mit unseren Nachbarn im Osten auseinandersetzen. Denn wenn es um Polen geht, ist das hiesige Wissens-Vakuum fast noch erschreckender als das Ausmaß an Klischees, die noch immer in deutschen Köpfen herumspuken. Chopin wird da schnell zum Inbegriff des Franzosen, und „Quo vadis?” bringt garantiert niemand mit einem polnischen Literatur-Nobelpreisträger in Verbindung.

Alle lieben Tolstoi – aber wer kennt Mickiewicz?
Wie kommt das nur? Schließlich sind in Deutschland auch – nur zum Beispiel – Russen und Tschechen mit zahlreichen Negativ-Stereotypen belegt. Und doch schwärmt man hierzulande vom Bolschoi-Balett, hört Smetana und Dvorak, liest und liebt Dostojewski, Tolstoi und Puschkin oder auch Kundera, sehnt sich nach Prag und Petersburg. Aber Krakau? Und wer kennt schon Mickiewicz?

Ein echtes Rätsel
Eine Erklärung für die unterschiedliche Wahrnehmung habe ich nicht. Sollte noch immer alles am Zweiten Weltkrieg hängen? Kaum. Die Konfrontation mit Tschechen und Russen war doch nicht weniger entsetzlich. Mir bleibt das Negativ-Image der Polen ein echtes Rätsel. Umso schöner wäre es, wenn das Schleswig-Holstein Musik Festival mit seinem Motto „Polen im Puls” tatsächlich neue Akzente und Impulse setzen könnte. Ein Besuch sei dringend empfohlen!

3 comments

  1. Das Rätsel ist sehr leicht zu lösen.

    Mit Russlad verbindet man quasi das goldene Zeitalter Deutschlands, welches mehr oder weniger mit der Teilung Polens einherging. Begriffe wie Bernsteinzimmer, Petersburg usw. wecken unterbewußt nostalgische Groß(Kaiser-)reich Gefühle in großen Kreisen der der Deutschen Gesellschaft.
    Wohingegen Krakau, Mickiewicz aber auch Chopin an die Epoche der Jagiellonen bzw. den polnischen Unabhängigkeitskampf erinnern. Beides Dinge, von denen man in Deutschland aus vielerlei Gründen nicht besonders gerne hören möchte.

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