Polens Hillary Clinton ist ein Mann

Die größte polnische Regierungspartei, die Bürgerplattform von Premier Donald Tusk, inszeniert ein Vorwahlspektakel nach US-Vorbild. Der Sieger soll für das Präsidentenamt kandidieren.

„Yes, we can“: Was die Amerikaner können, können wir schon lange. Nach diesem Motto steht Polen ein Präsidentschaftswahlkampf nach US-Vorbild ins Haus. Auch in Warschau heißt das Duell „Change gegen Establishment“ – Wandel oder Weiter-so? Allein: Die Rolle der Hillary Clinton übernimmt an der Weichsel mit Sejm-Marschall Bronislaw Komorowski (57) ein gestandener Mann. Der Parlamentspräsident zählt im postkommunistischen Polen seit Langem zu den Etablierten – wie die ehemalige First Lady jenseits des Atlantik.

Suche nach dem Kaczyński-Herausforderer
In einem internen Vorwahlkampf, so entschied es soeben die größte Regierungspartei, die liberale Bürgerplattform, muss sich Komorowski nun dem charismatischen Außenminister Radoslaw Sikorski stellen. Der smarte Oxford-Absolvent, der soeben 47 Jahre alt geworden ist, gilt als eine Art polnischer Barack Obama. Der Sieger geht im Oktober ins Rennen um die Präsidentschaft – vermutlich gegen Lech Kaczyński (60). Der konservative Amtsinhaber hat noch nicht erklärt, ob er wieder kandidiert.

Tusk: „Lieber Politik gestalten als repräsentieren“
Zu dem Zweikampf zwischen Sikorski und Komorowski kommt es nur, weil Premier Donald Tusk einen Rückzieher machte. Tusk, der lange Zeit als Topfavorit auf die Präsidentschaft galt, will aber „lieber Politik gestalten als repräsentieren“. Tatsächlich hat das Staatsoberhaupt in Polen fast nur durch sein Vetorecht die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen.

Polit-Spektakel elektrisiert die Medien
Durch Tusks Absage steht Polen nun ein nie da gewesenes Polit-Spektakel bevor. Abstimmen dürfen zwar nur Parteimitglieder. Das Duell zwischen dem bodenständigen Komorowski und dem Kosmopoliten Sikorski gilt aber als völlig offen und elektrisiert die Medien. Der in Schlesien geborene Historiker Komorowski darf eher im traditionsbewussten ländlichen Polen auf Zustimmung hoffen. Allzu viel Weltläufigkeit, wie sie Sikorski verkörpert, ist den Menschen dort suspekt. Und Komorowski kann mit einem weiteren Pfund wuchern: In den 80er Jahren kämpfte er in der Solidarnosc gegen die Kommunisten. Sikorski dagegen verließ Polen damals, um in England Philosophie und Politikwissenschaft zu studieren. „Ein Abtrünniger“, lautet der Vorwurf an seine Adresse.

Vom Kriegsreporter zum Präsidentschaftskandidaten
Zudem neigt Sikorski nicht unbedingt zu Beständigkeit. So wechselte er nach der Wahl 2007 die Fahnen. Als ehemaliger Verteidigungsminister der Kaczynski-Partei PIS ließ er sich von deren Gegner Tusk zum Außenamtschef küren. Zugleich macht sein bewegtes Leben den Mittvierziger für ein junges, städtisch geprägtes Wählerpotenzial attraktiv. Unter anderem hatte Sikorski, der in perfektem Englisch zu parlieren pflegt und unlängst als Nato-Generalsekretär im Gespräch war, in den 80er Jahren als Kriegsreporter für britische Medien in Afghanistan, Angola und Jugoslawien gearbeitet.

Der „urpolnische“ Schnauzer muss dran glauben
Der Wahl-Showdown verspricht also eine echte Show – ganz nach US-Vorbild. Dort hatte Hillary Clinton 2008 versucht, mit einem kalkuliert tränenreichen Auftritt ihren Rückstand auf Obama wettzumachen. Komorowski nun beginnt seine Kampagne mit einer spektakulären Rasur: Er will seinen „urpolnischen“ Schnauzer abnehmen, um für moderne Wähler attraktiv zu werden. Als „Polens Hillary“ indes stehen seine Chancen schlecht.

Erschienen in „Schleswig-Holstein am Sonntag“, 21. Feb. 2010

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