„Die Ostsee ist ein Klo mit schlecht arbeitender Spülung“

In Finnland tagte die Ostsee-Konferenz der „Baltic Sea Action Group“. Der Umweltgipfel wird das bedrohte Öksystem des Binnenmeeres kaum schnell retten.

Die Ostsee ist ein junges Meer – und doch schon vom Tode bedroht. „Weil der Mensch dem Wasser zu viel zumutet“, sagt der Kieler Meeresforscher Heye Rumohr gestern. In Helsinki tagte zeitgleich die Ostsee-Konferenz der „Baltic Sea Action Group“.  Mit dabei waren die Staats- und Regierungschefs fast aller Anrainerländer. Selbst Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin reiste an. Sein Land gilt als schlimmster Verschmutzer des Binnenmeeres. Hinzu gesellten sich Vertreter von Unternehmen, Forschungsinstituten und  Stiftungen. Ihr Ziel: Endlich ernst machen im Kampf für eine saubere Ostsee. Am Ende veröffentlichten die Teilnehmer gestern 138 neue Initiativen zur Verminderung der gewaltigen Umweltbelastungen.

Das Ökosystem entwickelt sich noch
Tatsächlich ist das „Mare Balticum“ in einer besonders prekären Lage, wie der Kieler Wissenschaftler Heye Rumohr erläutert. Die Ostsee ist erst am Ende der letzten Eiszeit vor rund 12000 Jahren entstanden. Ihr Ökosystem entwickelt sich noch und ist deshalb besonders empfindlich. Zum Vergleich: Das Mittelmeer  gibt es bereits seit mehreren Millionen Jahren. Zudem ist der Wasseraustausch des nordeuropäischen  Binnenmeeres über die Nordsee mit dem Atlantik gering. „Ich vergleiche die Ostsee oft mit einem Klo, dessen Spülung schlecht arbeitet“, sagt Heye Rumohr.

Die Weichsel speist die Ostsee mit Klärwasser
Der Meeresforscher meint das wortwörtlich. Vor allem über die Weichsel, den größten Fluss Polens, und die russische Newa werden große Mengen von Klärwasser in die Ostsee geführt. Hinzu kommen Düngemittel-Rückstände aus der Landwirtschaft und Verklappungen. Die Folge: „Der Stickstoffgehalt  ist viel zu hoch“, erklärt Rumohr. „Algen und Plankton gedeihen und sinken auf den Grund. Dort gammelt alles vor sich hin, bis der Meeresboden biologisch stirbt.“ Rund 20 Prozent des Ostseegrundes gelten als tot.

Doch es gibt auch Hoffnung für das „Mare Balticum“. Das junge Binnengewässer ist besonders wandlungsfähig. „Das ist eine Chance für die Ostsee“, sagt Rumohr – „wenn endlich die erforderlichen Schritte eingeleitet werden.“ Der gestrige Gipfel in Helsinki könnte deshalb ein wichtiger Schritt gewesen sein. Unter anderem sagten dort die Hafenstädte Kopenhagen und St. Petersburg zu, Anlagen zur Reinigung der Abwässer von Kreuzfahrern bereitzustellen. Schiffe, die auf der Ostsee unterwegs sind, sollen kostenlos mit Navigationsgeräten und Informationssystemen ausgestattet werden. Und der deutsche Siemenskonzern bietet künftig kostenfreie Dienstleistungen für Umweltverbesserungen in baltischen und finnischen Häfen an.

Pipeline-Werbung beim Umwelt-Gipfel 
Ob all das reicht, ist offen. Zumindest solange die großen Verschmutzer nicht nachhaltig durchgreifen. Dass der russische Premier Putin den Helsinki-Gipfel gestern vor allem dazu nutzte, um für die geplante deutsch-russische  Ostsee-Gaspipeline Werbung zu machen, schürte bei manchem Beobachter Zweifel an der Ernsthaftigkeit seines Engagements. Die Umweltorganisationen  WWF und BUND reichten denn auch nahezu zeitgleich Klage gegen die Bundesregierung ein  – wegen der Zustimmung zum Pipeline-Bau. Die Gasröhre verursache erhebliche neue Umweltbelastungen.

Hintergrund: Die Baltic Sea Action Group
Seit 1974 wacht die sogenannte Helsinki-Kommission über die ökologische Situation der Ostsee. Dahinter stehen die Umweltminister der Anrainerstaaten. Ende 2007 stellte die Kommission einen Aktionsplan vor, der bis 2021 eine saubere und sichere Ostsee garantieren soll. Begleitend gründeten Vertreter aus Wirtschaft, Umweltschutz und Politik in einer seltenen Allianz eine Stiftung – die „Baltic Sea Action Group“. Sie hat sich die Unterstützung des Aktionsplans auf die Fahnen geschrieben und will durch eine Vielzahl kleinerer Initiativen zur Erhaltung des Ökosystems Ostsee beitragen.

Erschienen in „Flensburger Tageblatt“ (11. Februar 2010)

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