Mit Leidenschaft ins Präsidentenamt?

Die „Eiserne Lady“ Julia Timoschenko gegen den ehemaligen Boxer Viktor Janukowitsch: In einer Stichwahl entscheiden die Ukrainer am Sonntag, wer ihr neuer Präsident wird.

Mit Haarkranz und vielen Gesichtern
Sie gilt wahlweise als „Gasprinzessin“, „schöne Julia“, „eiserne Lady der Ukraine“ oder „Jean  d’Arc der Orangenen Revolution“: Julia Timoschenko (49) greift am Sonntag nach der Macht in Kiew. In einer Stichwahl um das Präsidentenamt tritt die Regierungschefin mit dem elegant geflochtenen Haarkranz gegen den eher grobschlächtigen Zwei-Meter-Mann Viktor Janukowitsch (59) an. Der Oppositionsführer hatte in der ersten Runde vor drei Wochen mit 35 Prozent klar die Nase vorn. Timoschenko konnte nur ein Viertel der Wähler hinter sich scharen. Doch der Ausgang des Urnengangs gilt als offen. Und das hat zuallererst mit den vielen Gesichtern der Julia Timoschenko zu tun.

Als „Gasprinzessin” in Untersuchungshaft
In den 90er Jahren war die gelernte Ökonomin  zur „Gasprinzessin“ aufgestiegen. Bald gehörte sie zu den berüchtigten Oligarchen, jener Hand voll Wirtschaftsbosse, die sich das ehemalige Volkseigentum in der früheren Sowjetrepublik unter den Nagel gerissen hatten. Doch dann geriet Timoschenko mit dem von Moskau aus gesteuerten Regime von Präsident Leonid Kutschma in Konflikt. 2001 saß sie sogar für einige Wochen in Untersuchungshaft – wegen angeblicher Steuerhinterziehung. Dass das Geschäftsgebaren der Oligarchen tatsächlich rechtlich fragwürdig war, stand auf dem einen Blatt. Dass Timoschenkos wirtschaftliche Interessen mit denen des russischen Gasprom-Konzerns kollidierten, auf einem anderen. Ihre Anhänger jedenfalls sprachen von einem politischen Willkürakt.

„Schöne Julia und Jean d’Arc
Zu einer Anklage kam es indes nicht – womöglich auch deshalb, weil Timoschenko in die Politik wechselte. Dort schloss sich die „schöne Julia“, als die sie nun bald galt,  dem  reformorientierten Regierungschef Viktor Juschtschenko an. Der steuerte einen wirtschaftsliberalen und prowestlichen Kurs – und machte sich damit Präsident Kutschma zum Feind. Einen nie aufgeklärten Giftanschlag überlebte der Oppositionskandidat  vor der Präsidentenwahl 2004 nur knapp. All das schweißte Timoschenko und Juschtschenko zusammen. Sie führten die Orangene Revolution an, die Juschtschenko Anfang 2005 schließlich in den Präsidentenpalast spülte. Zu verdanken hatte er dies nicht zuletzt  dem Einsatz der ukrainischen „Jean d’Arc“.

„Eiserne Lady mit übersteigertem Ehrgeiz
Doch das orangene Bündnis hielt nicht lange. Die Allianz der „Westler“ scheiterte vor allem  an Timoschenkos persönlichem Ehrgeiz. Ihre Kompromisslosigkeit im Kampf gegen Korruption und für liberale Radikalreformen  brachte ihr nun den Beinamen „eiserne Lady“ ein. Tatsächlich traf sich Timoschenko medienwirksam mit ihrem Vorbild, der ehemaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher. Den Machtkampf mit Juschtschenko gewann sie: Der Präsident scheiterte in der Wahl vor drei Wochen mit fünf Prozent Zustimmung kläglich.

Janukowitschs Respekt vor Timoschenkos Schlagkraft
Eisern und schön, Revolutionärin oder Prinzessin: Wo Kritiker von Opportunismus und Unberechenbarkeit sprechen, sehen Timoschenkos Bewunderer Leidenschaft und Kampfgeist am Werk. Auch ihr als prorussisch geltender Gegner Viktor Janukowitsch, ein ehemaliger Boxer, hat vor der Schlagkraft der 49-Jährigen offenbar gehörigen Respekt. Einem TV-Duell mit der charismatischen Kontrahentin wich der Favorit im Wahlkampf beharrlich aus. Am Ende traten beide getrennt auf. Alleinunterhlaterin Timoschenko sorgte sogar dafür, dass ein zweites Rednerpult im Studio leer blieb.

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