„Nimm dich nicht so wichtig, Julia!”

Die Ukraine hat im Westen viele Sympathien verspielt. Nach der Orangenen Revolution von 2004 galt das Land als demokratische Hoffnung Osteuropas. Inzwischen aber ist die Kiewer Polit-Szene zum Intrigantenstadl verkommen. Vor der Präsidentenwahl am Sonntag besteht wenig Aussicht auf schnelle Besserung.

Blockierte Abstimmungen, prügelnde Parlamentarier, gekaufte Stimmen
Die Ukraine ist sicherlich kein Hort der Demokratie. Unfassbar sind die Szenen, die sich mit unschöner Regelmäßigkeit in der Werchowna Rada abspielen, im ukrainischen Parlament. Da werden im besseren Fall Abstimmungen blockiert, im krasseren wird geprügelt, im schlimmsten Fall werden Stimmen gekauft. Die Medien des Landes befinden sich in der Hand diverser Oligarchen, die hinter den Polit-Kulissen die Fäden ziehen. „Das Land ist krank”, sagte mir der Schriftsteller Juri Andruchowitsch („Wir haben den Mantel der Geschichte nicht ergriffen”).

Boxer und Wahlmanipulator im Präsidentenamt?
Am Sonntag nun wählen die Ukrainer einen neuen Präsidenten. Oder eine Präsidentin? Viktor Janukowitsch (59) gegen Julia Timoschenko (49) lautet das Duell. Beide können kaum als vertrauenerweckend gelten. Janukowitsch stammt aus den kremlhörigen Kreisen der Ostukraine. 2004 stoppte ihn nur die Orangene Revolution. Andernfalls wäre der große Wahlmanipulator ins Präsidentenamt geglitten. Im Hintergrund hätten dann allerdings andere düstere Figuren über das Schicksal des Landes entschieden – der ehemalige BoxeriJanukowytsch, vorbestraft und intellektuell eher minderbemittelt, wäre zu eigenständigem Regieren kaum in der Lage gewesen. Ob er es nun ist, fünf Jahre später und ein klein wenig gereift, darf bezweifelt werden.

Die Heldin als Intrigantin
Timoschenko dagegen kann es. Klug und willensstark, wie sie ist, bekäme die Ukraine mit der 49-Jährigen eine charismatische Staatslenkerin. Allerdings leidet die „Jean d’Arc der Orangenen Revolution” unter übersteigertem Ehrgeiz. „Nimm dich nicht so wichtig, Julia”, möchte man ihr mit Papst Johannes XXIII. zurufen. Dass auch Timoschenko aus ihrem ersten Leben als Oligarchin Dreck am Stecken mit sich herumschleppt, ist dabei weniger skandalös als die Skrupellosigkeit, mit der die „eiserne Julia” im Kiewer Polit-Zirkus ihre Intrigen spinnt. Da ist die einstige orangene Heldin nicht besser als die Schmalspur-Demokraten um Janukowitsch.

Es geht noch viel schlimmer – zum Beispiel in Weißrussland
Ist die Ukraine also ein hoffnungsloser Fall? Mitnichten. Ein Blick ins benachbarte Weißrussland macht klar, welch gigantische Fortschritte die Ukraine auf ihrem steinigen Weg zur Demokratie bereits gemacht hat. In Minsk, wo mit Alexander Lukaschenko der „letzte Diktator Europas“ regiert, soll im kommenden Jahr ebenfalls ein neuer Präsident gewählt werden. Und damit auch die letzten Zweifel an einer reibungslosen Bestätigung Lukaschenkos getilgt werden, soll in Weißrussland demnächst eine umfassende Internetzensur durchgesetzt werden. Die übrigen Medien hält das Regime ohnehin in seinem Würgegriff – wie das Land insgesamt.

Der zweite Sieg der Orangenen Revolution
In der Ukraine dagegen sind trotz dramatisch wachsender Politikverdrossenheit bei der ersten Runde der Präsidentenwahl zwei Drittel der Bürger an die Urnen geströmt. Und es gibt – ungeachtet aller gekauften und manipulierten Medienberichte – durchaus eine breite und tiefe gesellschaftliche Debatte über die Zukunft des Landes. Der zweite, der eigentliche Sieg der Orangenen Revolution besteht deshalb in der Befreiung des Landes vom postsowjetischen Autoritarismus. In der Befreiung aus eben jenem Würgegriff, in dem sich Weißrussland, aber auch der große Nachbar Russland noch immer befinden.

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