Trotz Angst Berge versetzt

Was die Menschen in den Staaten Osteuropas seit der Zeitenwende von 1989 durchlebt und durchlitten haben, ist für Beobachter aus dem Westen kaum begreiflich. Es ging um nichts Geringeres als eine komplette Neuausrichtung jedes einzelnen Lebens. Ein Buch bilanziert nun die Umbruchszeit am Beispiel Polens.

Die Polen sind beim Zählen ihrer Republiken aus dem Takt geraten. Die erste „Rzeczpospolita”, soviel ist klar, war die „Adelsrepublik“ des 16. bis 18. Jahrhunderts. Nach der Teilungszeit, auch da gibt es kein Vertun, folgte zwischen den Weltkriegen Republik Nummer zwei. Die „Volksrepublik“, das kommunistische Polen, zählt dagegen gemeinhin nicht mit. Nun gut, wollen wir nicht streiten. Aber dann: Die Dritte Republik entstand 1989/90 und dauerte bis… ja, bis wann?

Die Kaczynski-Zwillinge riefen 2005 die Vierte Republik aus. Sie  wollten Schluss machen mit der kompromisslerischen, 1989 am Runden Tisch ausbaldowerten und von postkommunistisch-linksliberalen Seilschaften durchsetzten Scheindemokratie. Die Kaczyńskis sind mit ihrem Projekt schauerlich-schön gescheitert. Doch was heißt das? Leben die Polen nun weiter in der Dritten Republik? Oder in „Rzeczpospolita 3b”? Lässt man die Zählerei besser ganz sein? Nichts Genaues weiß man nicht. Und wer sollte auch entscheiden?

Viele Erkenntnisse, aber das Bekenntnis bleibt blass
Der Krakauer Historiker Andrzej Chwałba (60) gibt in seinem soeben auf Deutsch erschienen Buch „Kurze Geschichte der Dritten Republik Polen 1989-2005” auch keine rechte Antwort. Der Titel lässt vermuten, dass es der Leser mit einem abgeschlossenen Forschungsggenstand zu tun bekommt, mithin die Dritte Republik perdu ist. Im letzten Satz seines Werkes, der ein kurzes Kapitel über die Kaczyński-Zeit beschließt, heißt es dagegen, die „Geschichte der Dritten Republik, die 2009 ihr 20-jähriges Bestehen feiert”, werde fortgeschrieben. Diese Erkenntis hätte als Bekenntnis an den Beginn gehört! Dann wäre Chwałba mit seinem Buch womöglich das gelungen, was er zu tun beabsichtigte: eine Bilanz der Transformationszeit in Polen zu ziehen, die das Land mit all seinen Brüchen und inneren Widersprüchen „vor allem für deutsche Leser” verständlicher machen könnte.

Ein buntes Mosaik aus Wissenswertem
Chwałba scheitert an dieser Aufgabe. Es gelingt ihm nicht, das gut gegliederte, äußerst aufschlussreiche Material, das er präsentiert, zu einer Erzählung über das heutige Polen zusammenzubinden. So erfährt der Leser zwar, dass es zwischen Oder und Bug das mickrigst Autobahnnetz der EU und viele stinkende Rumpelzüge, aber fantastische Flughäfen gibt. Dass sich Konsumtempel aneinanderreihen, obwohl die Polen von diffusen Ängsten geplagt werden – etwa vor einer „McDonaldisierung” des Landes; dass das Gesundheitswesen ein Flop ist, viele Schulen dagegen top sind; dass es mit dem berühmt-berüchtigten polnischen Katholizismus gar nicht so weit her ist wie gemeinhin behauptet; dass die Verweltlichung voranschreitet, der Glaube an den Staat aber auch nur rudimentär ist. Alles spannend, keine Frage! Aber in dem Kaleidoskop fügen sich die bunten Steinchen nicht zu einem Bild.

Von heute auf morgen gelten andere Spielregeln
Das ist ausgesprochen schade. Denn der Systemwechsel in Polen und den anderen osteuropäischen Staaten ist ein Thema, das es in sich hat. Man muss sich einmal vor Augen führen, was es heißt, von einem Monat auf den nächsten in ein neues Leben geworfen zu sein, in dem völlig andere Spielregeln gelten; was es etwa heißt, jahrzehntelang von Staatsmedien indoktriniert worden zu sein, um plötzlich nicht nur von einer freien Presse informiert, sondern auch von Boulevardzeitungen traktiert zu werden; oder was es heißt, aus einer Mangelwirtschaft in eben jene „mcdonaldisierte” Wunderwelt des Massenkonsums transformiert zu werden. Die Polen und die übrigen Osteuropäer haben trotz ihrer verständlichen Ängste seit 1989 Berge versetzt. Wie sich dieser dramatische Wandel beschreiben lässt, hat Karl Schlögel soeben einmal mehr in der Zeitschrift „Osteuropa” am Beispiel Russlands vorgeführt (Nr.12/2009). Schlögel fügt Detailaufnahmen zu einem Ganzen, Chwałba gelingt dies nicht. Nochmals: Schade!

Andrzej Chwałba, Kurze Geschichte der Dritten Republik Polen 1989-2005 (=Veröffentlichungen des Deutschen Polen-Instituts 26), Wiesbaden 2010 (Harrassowitz Verlag)

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