Es kann nur einen geben

Die Kreml-Astrologie zu Sowjetzeiten war nichts gegen die Sternendeuterei, die Russland-Beobachter heutzutage betreiben (müssen). Tobt ein Machtkampf zwischen Wladimir Putin und Dmitri Medwedew? Und welche Klans befehden sich hinter den Kulissen? Nichts Genaues weiß man nicht.

Entweder, die beiden ziehen eine reichlich plumpe Show ab. Oder es steckt mehr dahinter. Viel mehr. Dmitri Medwedew und Wladimir Putin – das Kremltandem. Stimmt übrigens die Reihenfolge? Muss es nicht Putin und Medwedew heißen? So jedenfalls sieht es Premier Putin anscheinend selbst, nimmt man seinen Fernsehauftirtt vor einer Woche ernst. Vier Stunden TV-Bürgersprechstunde – an sich eine ziemlich alberne Aktion. Handzahme Fragesteller hier, ein abgeklärter Politprofi dort. Nichts Neues. Bis es um die politische Zukunft Putins geht, da wird Putin fuchsig. Rückzug aufs Altenteil? „Da könnt ihr lange warten!”, faucht der zumindest vorübergehend degradierte „Zar”. Eine Präsidentschaftskandidatur 2012 sei keineswegs ausgeschlossen.

Ist das eine Kampfansage? Nur eine Stunde später verkündet Präsident Medwedew bei einer Pressekonferenz im fernen Rom, er schließe eine zweite Amtszeit für sich ebenfalls nicht aus. Werfen da zwei Kontrahenten frühzeitig ihren Hut in den Ring? Möglich. Andererseits: Was sollen sie schon sagen auf die Frage nach ihren politischen Ambitionen? Etwa: „Ich mache noch zweieinhalb Jahre, und dann war’s das”? Ein Politiker, der so etwas äußert, geht nicht einmal mehr als lahme Ente durch – noch dazu im auf Stärke und Macht fixierten Russland. Wiederum andererseits: Niemand hat die beiden genötigt, überhaupt etwas zur Kandidatur 2012 zu sagen. „Das entscheiden wir später, und zwar gemeinsam”, wäre die richtige, weil absolut inhaltsleere Antwort auf alle Fragerei gewesen.

Also doch ein Machtkampf? Wenn dem so ist, dann stellt sich vor allem die Frage nach den Kreml-Klans, die Putin und Medwedew repräsentieren. Dass es diverse Fraktionen im Moskauer Machtapparat gibt, ist seit langem bekannt. Immer wieder gern als Beispiel genannt werden die „Siloviki” (die Kraftvollen), angeblich ein Gruppe mächtiger Geheimdienstleute und (möglicherweise) Armeekader. Sie werden gemeinhin Putin zugeordnet, dem einstigen KGB-Mann. Auf der anderen Seite stehen demnach die versammelten Wirtschafts- und Finanzgrößen der staatlich gelenkten russischen Ökonomie, anders formuliert: die Repräsentanten des Gazprom-Imperiums, in dem Medwedew einst eine wichtige Rolle gespielt hat.

Das Bild der beiden Flügel muss nicht falsch sein. Es ist aber in jedem Fall zu undifferenziert. Schaut man sich einzelne Personen an, die im Kreml etwas zu sagen haben, fällt es längst nicht immer leicht, eine Zuordnung zu einem der genannten Lager zu treffen. Da ist zum Beispiel der mächtige Chef der russischen Staatsbahnen, Wladimir Jakunin. In seiner Funktion als Transport-Unternehmer müsste man ihn eindeutig dem Wirtschaftsflügel zurechnen. Tatsächlich aber ist Jakunin ein enger Vertrauter Putins und galt zeitweise als wichtiger Konkurrent Medwedews, als es 2007/2008 um die Nachfolge Putins im Präsidentenamt ging.

Doch selbst wenn es diese beiden Lager geben sollte, ist noch längst nicht die Frage beantwortet, ob Putin und Medwedew sie auch repräsentieren respektive bedienen. Vielleicht verbindet die beiden tatsächlich eine derart innige Freundschaft, dass sie sich dafür entschieden haben, Russland im Doppel zu lenken, wobei jeder einen Bereich bearbeitet – zum Wohle des Ganzen. Der gesunde Menschenverstand sagt mir, dass dem nicht so ist. In diesen Machtsphären ist eine solche persönliche Nähe, wie sie für ein derartiges Zusammenspiel nötig wäre, kaum denkbar. Also kann es am Ende wohl doch nur einen geben. Wer das sein wird, entscheidet Putin, der noch immer der Stärkere von beiden ist.

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