„Wir haben den Mantel der Geschichte nicht ergriffen“

Die Ukraine stolpert von einer Krise in die nächste. Wenige Monate vor der Präsidentenwahl ist von der Aufbruchsstimmung der Orangenen Revolution nichts mehr zu spüren. Dennoch ist der Schriftsteller Juri Andruchowytsch davon überzeugt, dass sein Land „in keiner schlechten Lage ist”. Die Entscheidung für Europa und gegen Russland sei längst gefallen – in Brüssel und in Kiew.

Herr Andruchowytsch, wie haben Sie die Zeitenwende von 1989 erlebt?
1989 war eines der wichtigsten Jahre meines Lebens. Ich war 29 und hatte bis dahin vor allem Gedichte geschrieben oder war mit der literarischen Performance-Gruppe „Bu-Ba-Bu“ aufgetreten. Das stand für „Burlesk – Balagan – Bufonada“, was so viel heißt wie Burleske, Rummel, Possenreißer. Dabei ging es vor allem um Ästhetik, nicht um Politik. Dann kam 1989. All die Prozesse, die man gemeinhin als Perestroika bezeichnet, beschleunigten sich radikal.

Ein Bandura-Spieler in Lwiw (Lemberg). Das lautenähnliche Nationalinstrument findet sich besonders häufig in der Westukraine, der Heimat von Juri Andruchowytsch. Dort werden die bäuerlichen und kosakischen Traditionen stärker gepflegt als im prorussischen Osten. (Foto: Krökel)

Ein Bandura-Spieler in Lwiw (Lemberg). Das lautenähnliche Nationalinstrument findet sich besonders häufig in der Westukraine, der Heimat von Juri Andruchowytsch. Dort werden die bäuerlichen und kosakischen Traditionen stärker gepflegt als im prorussischen Osten. (Foto: Krökel)

Wie machte sich das in der Ukraine bemerkbar?
1989 war das Gründungsjahr einer völlig neuen bürgerlich-nationalen Freiheitsbewegung, des „Narodny Ruch“. Im März gab sich „Ruch“ ein Programm. Die einzige Zeitung, die dieses Dokument abdruckte, war die „Literaturzeitung“, die Zeitung des Schriftstellerverbandes. Für uns jüngere Autoren war das ein Signal, dass wir etwas Neues anfangen konnten. Mussten! Etwas Politisches, nichts rein Ästhetisches mehr. Es war klar, dass eine neue Phase in der ukrainischen Geschichte beginnt.

War Ihnen in diesem Moment bewusst, dass es auf die Unabhängigkeit der Ukraine hinauslaufen würde?
Nein! Nein, wir haben zu dieser Zeit für eine größere Autonomie gekämpft. Aber dann ging alles rasend schnell. Nur zwei Jahre später, 1991, stand schon die Unabhängigkeit auf der Tagesordnung. Die Dinge entwickelten sich immer schneller und schneller. Das Zentrum von all dem war übrigens Moskau, nicht Kiew.

Das müssen Sie erläutern.
Die Ukraine hatte innerhalb der UdSSR die wohl  konservativste Parteiführung. In Kiew regierten 1989 noch immer die Betonköpfe aus dem Kreis um Breschnew. Im Baltikum und in den Kaukasus-Republiken war man da schon sehr viel weiter. Die Anstöße zur Umgestaltung, zur Perestroika, kamen deshalb  vor allem aus Moskau. Ende 1989 starb dann der ukrainische KP-Chef. Danach änderte sich auch in Kiew einiges.

Wer waren die Träger der Veränderung – die Intellektuellen, die Kirche, die Arbeiter?
Die Schriftsteller und Künstler habe ich bereits erwähnt. Dazu kamen die Bürgerrechtler, die sich auf die Schlussakte von Helsinki beriefen.

Sie sprechen vom KSZE-Prozess. In der Schlussakte von 1975  hatte sich auch die Sowjetführung zur Achtung der Menschenrechte und zum Selbstbestimmungsrecht der Völker bekannt.
Ja, und darauf konnten sich die Oppositionellen nun berufen. Die Bürgerrechtler waren übrigens in ihren Ideen radikaler als wir Künstler. Sie waren es vor allem, die „Narodny Ruch” organisierten. Hinzu kam im Sommer 1989 eine regelrechte Arbeiterbewegung.

In der Ost-Ukraine wurde damals gestreikt. Wenn man zurückblickt, ist das überraschend, denn die Region gilt heute als besonders russlandfreundlich.
Ja, aber man muss genau hinschauen. Die Arbeiter im Osten haben damals zunächst für die Verbesserung ihrer sozialen Lage gestreikt. Es ging ja wirtschaftlich seit Jahren bergab.

Wie haben sich die Arbeiter denn in der nationalen Frage positioniert?
Bei dem von „Ruch” initiierten ersten allukrainischen Treffen Ende 1989 war eine Delegation aus der ostukrainischen Industrieregion dabei. Da taten sich schon die ersten Gräben auf, etwa in der Frage, ob das Ukrainische die alleinige Amtssprache sein sollte. Im Osten sprechen die meisten Ukrainer Russisch. Die wollten das natürlich nicht.

Waren das die Vorboten der Spaltung in einen proeuropäischen Westen und einen prorussischen Osten, wie wir sie von der Orangenen Revolution 2004 kennen?
Nein, so kann man das nicht sagen. Die Konfrontation von 2004 war eine Folge der Situation  in den 90er Jahren. Zunächst hat man sich 1990/91 zusammengerauft. Es war zum Beispiel ziemlich schnell klar, dass die Flagge blau-gelb sein würde. Das hatten die Arbeiter aus dem Osten 1989 noch als zu nationalistisch abgelehnt. Nun wurde es akzeptiert.

Was passierte denn nach 1991? Wodurch entstand die Spaltung?
Zunächst geschah – nichts! Nach 1991 kam es in der Ukraine über Jahre hinweg zu einem Stillstand, die Probleme wurden eingefroren.

Welche Fragen blieben denn unbeantwortet?
1991 war ein großer Teil der ukrainischen Bevölkerung nicht bereit zu einem echten Neuanfang. Es gab zwar ein Referendum, und sagenhafte 90,3 Prozent der Ukrainer stimmten damals für die Unabhängigkeit. Aber die Leute hatten nicht verstanden, worum es eigentlich ging. Die meisten dachten an eine andere Art von Sowjetunion mit mehr Autonomie für die Ukraine, aber eben als Teil der GUS, einer Gemeinschaft Unabhängiger Staaten. Die Klarheit, dass es nie wieder eine Sowjetunion geben würde, fehlte. Das hätte man nur durch eine konsequente unabhängige Politik ändern können.

Aber die gab es nicht?
Nein, die gab es weder unter Präsident Krawtschuk noch unter seinem Nachfolger Kutschma, die von 1991 bis 2004 regierten. Stattdessen begann der wirtschaftliche Niedergang, und das haben die Menschen mit dem neuen Staat in Verbindung gebracht. Mitte der 90er Jahre war die öffentliche Meinung eine ganz andere als 1991. Die nationale Unabhängigkeit interessierte zu der Zeit kaum noch jemanden.

Wieso kam es trotzdem zur Orangenen Revolution von 2004?
Das ist vor allem mit der Figur des heutigen Präsidenten Viktor Juschtschenko verbunden. Er wurde 1999 Premierminister. Juschtschenko hatte nichts mit der alten Sowjet-Nomenklatura zu tun und hat eine ziemlich erfolgreiche Politik gemacht. Kutschma hat ihn dann 2001 gefeuert. Von da an war klar: Juschtschenko ist ab sofort ein Kandidat für das Präsidentenamt, und zwar ein revolutionärer Kandidat. So entstand bei vielen Menschen eine Stimmung der letzten Chance: Juschtschenko oder der Untergang.

Die eingefrorenen Probleme tauten wieder auf?
Ja, zu Beginn des neuen Jahrtausends baute sich eine offene Konfliktsituation zwischen dem westorientierten Juschtschenko und den Moskautreuen auf. Deren Kandidat sollte Viktor Janukowytsch sein.

Es kam zum Showdown.
Ja. Die Orangene Revolution im November 2004 war die Geburtsstunde der ukrainsichen Nation.

Gegen Moskau, für Europa?
Es waren nicht alle gegen Russland und für den Westen, die für Juschtschenko stimmten. Die Demonstranten waren vor allem konkret gegen diese Kandidatur von Janukowytsch. Hinter ihm stand der Kreml und mischte sich immer unverhohlener in die ukrainsiche Politik ein. Diese Einmischung war für die meisten Ukrainer einfach zu dreist. In erster Linie speiste sich die Orangene Revolution aus dem Widerstand gegen die Wahlfälschungen selbst. Das war ein echtes bürgerliches Aufbegehren.
Wenn die Orangene Revolution die Geburtsstunde einer neuen Ukraine war: Hat denn das Kind überlebt? Und ist es auf Dauer lebensfähig?
Ich denke schon, ja.

Die Ukrainer haben die Tatsache ihrer Unabhängigkeit von Russland inzwischen verinnerlicht?
Naja, die Meinungen, ob es nur mit oder auch ohne Russland geht, sind immer noch geteilt. Für den westlichen Teil der Ukraine ist klar, dass es ohne Moskau gehen muss. Aber fast die Hälfte der Ukrainer hat ja 2004 trotz allem für Janukowytsch gestimmt. Die Unabhängigkeit haben die meisten mittlerweile akzeptiert. Aber bei der Frage, welche Politik dieser Staat zwischen Russland und Europa betreiben soll, beginnt der Streit.

War die Orangene Revolution denn überhaupt erfolgreich? Wenn man auf den politischen Streit in der heutigen Ukraine schaut, können einem Zweifel kommen.
2004 war wichtig! Die Menschen haben damals die Demokratie gelernt, haben bürgerliches Engagement eingeübt. Und das gilt auch für die Janukowytsch-Anhänger. Denn die sind ja plötzlich ebenfalls auf die Straße gegangen. Sie haben das von den Orangenen abgeschaut, aber immerhin! Und zum anderen ist der innergesellschaftliche Konflikt, der 1991 konserviert worden war, 2004 offen zu Tage getreten. Ich finde das gut! Das ist wie bei einer Krankheit. Man muss oft erst eine Krise durchstehen, um die Krankheit auskurieren zu können.

Gibt es denn eine Arznei, mit der die ukrainische Krankheit kuriert werden könnte?
Nur die Zeit kann diese Krankheit heilen. Es geht um Veränderungen im historischen Maßstab. Mein Spruch ist immer, dass wir alle 13 Jahre einen Umsturz haben: 1991, 2004 … Also warte ich jetzt bis 2017. Im Ernst: Das Land ist viel zu riesig für die ganz großen Sprünge. Aber es gibt doch viele Dinge, die mich optimistisch stimmen.

Welche?
Vor allem die Tatsache, dass separatistische Bewegungen bei uns keine Chance haben. Die Idee, die Ukraine einfach in einen westlichen und einen östlichen Teil aufzuspalten, ist völlig chancenlos. Es ist wie in einer Ehe, in der beide Partner unglücklich sind. Scheiden lassen will sich aber auch niemand, weil das noch schlimmer wäre und es die Hoffnung gibt, dass es für die gemeinsamen Kinder so besser ist.

Wir haben noch gar nicht über den Einfluss des Westens gesprochen.
1989 bis 1991 war der Westen mit der ukrainischen Frage völlig überfordert. Man schaute nur nach Moskau. Aber das taten wir Ukrainer ja auch. 2004 hätte die EU allerdings handeln müssen! Es gibt etwas, das man Momentum nennt – der berühmte Mantel der Geschichte, den man ergreifen muss, oder er streicht vorüber. Die EU hat damals nicht zugepackt. 2004 war die ukrainische Gesellschaft mobilisiert. Es fehlte nur das Signal aus Brüssel: Wir sind bereit, euch eine Perspektive in Europa zu bieten. Es fehlte ein Wort: „Ja!” Wir machen die Tür auf – nicht heute, aber ihr seid willkommen. Gemeinsam hätten wir den Mantel zu fassen bekommen.

Was denken Sie: Warum blieb das Ja aus?
Die EU war zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Hinzu kommt die wirtschaftliche Abhängigkeit von Russland, von russischer Energie.

Liegt die Zukunft der Ukraine in Europa?
Unbedingt! Und ich glaube auch, dass in Brüssel die Entscheidung, dass wir dazugehören, gefallen ist. Offen sagt das natürlich niemand. Das würde auch niemandem helfen, weil die Stimmung der Menschen so gespalten ist – in Europa und bei uns. Die Ukraine ist aber in keiner schlechten Lage. Bei uns gibt es eine demokratische Entwicklung. Die EU testet unsere Reife aus. Eine Reifeprüfung ist die Fußball-Europameisterschaft 2012. Das ist eine Probe, ob dieses Land fähig ist, europäische Projekte auf die Beine zu stellen.

Und? Wird es gelingen?
Ja. Die ganz große Chance haben wir zwar wegen all der inneren Querelen verpasst. Aber es wird funktionieren.

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