Bronze-Soldaten an der Front: Der russisch-estnische „Denkmal-Krieg“

Von Aussöhnung keine Spur: Zwischen Russland und den baltischen Staaten herrscht ein „heißer Friede“. Vor allem der gegensätzliche Blick auf die jüngere Geschichte entzweit die Nachbarn. In Estland eskalierte nun der Streit um ein Mahnmal.

Pflastersteine fliegen, Barrikaden brennen
Für die einen war es der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg, für andere ein Tag der Befreiung und für Dritte der Beginn jahrzehntelanger Unterdrückung: Vor 62 Jahren kapitulierte Nazi-Deutschland, in Europa endete der Zweite Weltkrieg. Dass die Wunden, die der „heiße“ wie auch der folgende Kalte Krieg geschlagen haben, bis heute nicht vernarbt sind, hat jüngst der Mahnmalstreit zwischen Russen und Esten gezeigt. Tagelang versetzten Krawalle russischstämmiger Jugendlicher die estnische Hauptstadt Tallinn in einen „Kriegszustand“: Pflastersteine flogen, Barrikaden brannten, ein 19-jähriger Russe starb. Zugleich belagerten kremltreue Demonstranten die Botschaft der Baltenrepublik in Moskau.

Kriegerdenkmal auf den Militärfriedhof verbannt
Was war geschehen? Die estnische Regierung hatte die Kundgebungen der russischen Bevölkerungsgruppe vor einem sowjetischen Kriegerdenkmal im Zentrum Tallinns, das an die Befreiung des Landes durch die Rote Armee im Jahr 1944 erinnert, nicht länger mit ansehen wollen. Vehement hatten die Russen dort immer wieder die Beachtung ihrer Rechte als Minderheit eingefordert. Nun ließen die Behörden den so genannten bronzenen Soldaten kurzerhand demontieren und auf einem Militärfriedhof am Rande der Stadt wieder aufstellen. Dort sollen auch die sterblichen Überreste von bis zu 14 Rotarmisten ihre letzte Ruhe finden, die derzeit noch am ursprünglichen Standort des Mahnmals exhumiert werden. Heute, zum Jahrestag des Weltkriegsendes, wird der Bronze-Soldat wieder der Öffentlichkeit übergeben.

Im Würgegriff Stalins
Der „Denkmal-Krieg“ hat eine historische und eine aktuelle Dimension. Für die Russen zählt der „Sieg über den Hitler-Faschismus im Großen Vaterländischen Krieg“ bis heute zu den Grundbausteinen nationaler Identität. Für die meisten Esten dagegen begann 1944/45 eine Zeit neuerlicher Fremdherrschaft und „kommunistischer Unterjochung“. Tatsächlich hatte Stalin, nachdem er 1939 seinen berüchtigten Teufelspakt mit Hitler geschlossen hatte, die Baltenrepublik bereits 1940 brutal annektiert. Und auch nach dem Krieg, als die Rote Armee die 1941 einmarschierte deutsche Wehrmacht wieder vertrieben hatte, hielten er und seine Nachfolger das kleine Land weiter im Würgegriff. Die Sowjets ließen zahllose Oppositionelle ermorden, zwangen die Esten, Russisch zu sprechen, und betrieben eine Migrationspolitik im Stil ethnischer Säuberungen: Der Anteil der Esten an der Bevölkerung des Landes sank infolge von Ausweisungen und durch gelenkten russischen Zuzug zwischen 1945 und 1991 von mehr als 90 auf 60 Prozent (heute wieder 68 Prozent).

„Sie sagen, dass wir abhauen sollen, zurück in unsere Taiga zu unserem Wodka“
Indes: Mit der Unabhängigkeit der Baltenrepublik 1991 endete die Geschichte nicht. Seither sind es die Esten, die die russische Minderheit drangsalieren. So verlor, wer die Landessprache nicht beherrschte, die Staatsbürgerschaft und oft auch den Arbeitsplatz. „Sie sagen“, klagte während des „Denkmal-Krieges“ die russischstämmige Tallinner Lehrerin Xenia Rykowzowa, „dass wir abhauen sollen, zurück in unsere Taiga zu unserem Wodka. Sind wir wilde Tiere?“ Dies ist der über anderthalb Jahrzehnte bereitete Boden, auf dem die russische Gewalt der vergangenen Wochen spross.

Die Esten selbst sehen es freilich anders. Geplagt von einer Art Urangst vor Übergriffen aus dem Osten schieben sie den schwarzen Peter wieder den Russen zu: „Sie wollten uns damals unsere Identität rauben. Jetzt hoffen viele von ihnen, dass unsere Unabhängigkeit nur vorübergehend ist. Wie soll man über all das nicht radikal denken?“, fragt der 30-jährige Tallinner Informatiker Toomas Kiverik.

Bronzener SS-Kämfper richtet sein Gewehr ostwärts
Zusätzlich erschwert wird eine Aussöhnung  durch den nicht ganz unbegründeten Vorwurf aus Moskau, die Esten besäßen einen Hang zur Verklärung des Nationalsozialismus. Tatsächlich schlossen sich zwischen 1941 und 1944 rund 100 000 Esten der Waffen-SS an und beteiligten sich an der Ermordung von bis zu 7000 Juden und Roma. Mehr noch:  2002 wollte die estnische Stadt Pärnu den SS-Kämpfern sogar ein Denkmal setzen, weil sie – so die geplante Inschrift – „für ein freies Europa gefallen“ seien. Allein heftige Proteste aus dem Ausland verhinderten, dass die Skulptur aufgestellt wurde. Sie zeigte einen in Bronze gegossenen SS-Soldaten, der sein Sturmgewehr ostwärts gegen Russland richtete – gegen jenes Riesenreich, das  so viel Leid über die kleine Baltenrepublik gebracht hatte.

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