Donald Tusk: Zäh, liberal, pragmatisch

Polen hat einen neuen Premierminister: Donald Tusk. Wer ist der Neue?

Er ist groß, er ist blond, und er spricht fließend Deutsch. Für den Aufstieg des frisch gekürten polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk war diese „niemieckosc”, diese „deutsche Art”, oft eine Bürde. Seine Gegner diffamierten den 1957 in Danzig geborenen Tusk immer wieder als „verkappten Deutschen”. Im Wahljahr 2005 etwa konfrontierten die Nationalkonservativen  Tusk mit Berichten, nach denen sein Großvater 1944 in der Wehrmacht gekämpft habe. Ein Kollaborateur also, ein Nazi gar? Tatsächlich war Josef Tusk im KZ interniert und wurde später zum Fronteinsatz gezwungen, bevor er schließlich desertierte. In Wahrheit auch stammt der neue Premier – wie Literaturnobelpreisträger Günter Grass – von kaschubischen Vorfahren ab. Die Kaschuben aber sind eine slawische Volksgruppe, die in der deutsch-polnisch geprägten Danziger Region von jeher und immer wieder zwischen die nationalen Fronten geriet.

Schläge unter die Gürtellinie weggesteckt
Indes: Die Deutschen-Kampagne des Jahres 2005 verfing. Erst verlor Tusk trotz guter Umfragewerte die Präsidentenwahl gegen Lech Kaczynski und wenig später mit seiner rechtsliberalen Bürgerplattform (PO) auch noch die Parlamentswahl gegen Jaroslaw Kaczynskis national-konservative PiS. Der studierte Historiker Tusk war angezählt, taumelte, steckte letztlich aber alle Geschichtsklitterungen und persönlichen Attacken weg. „Niederlagen können zerstören oder abhärten“, kommentiert Tusk die Vorgänge des Jahres 2005 heute. Ihn hätten die Attacken „widerstandsfähig gemacht“.

Als Fabrikarbeiter über Wasser gehalten
Nehmerqualitäten hatte der Sohn einer Krankenschwester und eines Tischlers schon früh unter Beweis stellen müssen. Der Vater starb, als der junge Tusk gerade die Grundschule beendete. Bereits als Jugendlicher engagierte sich Tusk in der antikommunistischen Opposition. Im polnischen Schicksalsjahr 1980 kämpfte er, kurz vor dem Examen stehend, während des von Danzig ausgehenden Solidarnosc-Aufstandes an vorderster Front: Er gründete das Studenten-Komitee der aufbegehrenden Gewerkschaftsbewegung und wurde in Straßenschlachten mehrfach verletzt. 1981 rief die kommunistische Führung in Polen das Kriegsrecht aus, die Wirtschaft lag darnieder. Der inzwischen von der Staatsmacht geächtete Tusk hielt sich in den düsteren 80er Jahren als einfacher Fabrikarbeiter über Wasser.

Rosskur für die polnische Wirtschaft
Die Wende 1989 erlebte er daher auch vor allem als Befreiung, weniger als nationale Wiedergeburt (wie die Kaczynskis). Tusk schloss sich den liberalen an und wurde Berufspolitiker – erst als Abgeordneter im Sejm, später im Senat, der zweiten Kammer des polnischen Parlaments. Die Mitgliedschaft in der Freiheitsunion brachte ihm im krisengeschüttelten Polen der Transformationszeit allerdings ein weiteres Stigma ein: den Ruf des Marktradikalen. Die notwendige Rosskur für die Wirtschaft, die von den Liberalen ins Werk gesetzt worden war, hatte zu viele Polen in neue Existenznöte gestürzt. Auf den Niedergang der Freiheitsunion reagierte Tusk, indem er 2001 die PO gründete, eine Sammlungsbewegung, in der sich neben überzeugten Liberalen auch streng konservative Geister engagierten. Der Premier selbst hält es zwar weiterhin eher mit Ersteren, setzt auf niedrige Unternehmenssteuern und hohe Wachstumsraten.

„Keine Revolutionen!“
Gesellschaftspolitisch gibt sich der zweifache Familienvater und passionierte Fußballer aber konservativ. Wie die Kaczynskis lehnt Tusk eine Aufweichung des strikten polnischen Abtreibungsrechts ebenso ab wie mehr Rechte für Homosexuelle. Beobachter halten Tusks Konservatismus indes für ein Feigenblatt, hinter dem sich der Liberale verstecke und ohne das es im katholischen Polen nicht gehe. Tatsächlich führte Tusk seine langjährige gesetzliche Ehefrau Malgorzata erst im Wahljahr 2005 vor den Traualtar, um sich den späten Segen der Kirche zu holen. Opportunismus? Oder eine Abwehrreaktion des ewig Stigmatisierten? Zäh und lernfähig wie er ist, lässt sich der überzeugte Europäer Tusk wohl am ehesten von einem gesunden Pragmatismus leiten. Als Richtschnur für die Regierungspolitik gab er denn auch die Devise aus: „Keine Revolutionen!“

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