Standpunkt: Reifeprüfung

Die Ukraine hat gewählt. Das Land hat einen weiteren Demokratie-Test bestanden.

63 Prozent Beteiligung an der vorgezogenen Parlamentswahl in der Ukraine: Angesichts von Verfassungskrise und politischem Dauerpatt haben die Menschen zwischen Lemberg und Donezk eine weitere demokratische Reifeprüfung mit Auszeichnung bestanden. Weitgehend frei und fair war der Urnengang zudem, wie die zahlreichen internationalen Beobachter attestierten.

Beides zählt viel in einem Land, das noch immer schwer an den wirtschaftlichen, politischen und vor allem gesellschaftlichen Altlasten der Sowjetdiktatur zu tragen hat. Welch hoher Stellenwert dem demokratischen Wettstreit an sich zukommt, zeigt ein kurzer Seitenblick gen Russland, in das Reich des lupenreinen Autokraten Wladimir Putin.

In der Ukraine steht nach dem Wahlvolk nun den Politikern ihre Reifeprüfung bevor. Präsident Juschtschenko, Premier Janukowitsch und Oppositionsführerin Timoschenko sind in der Pflicht, ihre Selbstblockade endlich zu überwinden. Dass es dazu kommt, ist indes keineswegs ausgemacht. Zu stark sind bei Janukowitsch und Juschtschenko die Abhängigkeiten von einzelnen Wirtschaftsbossen, den berüchtigten Oligarchen. Zu groß scheint zudem bei Timoschenko der Ehrgeiz zu sein. Und zu tief sitzen schließlich bei allen dreien die persönlichen Animositäten. Nicht von ungefähr ist die Troika bei früheren „Staatsexamen” glatt durchgerasselt.

Ein Fünkchen Hoffnung bleibt dennoch. Nach dem Wahlergebnis ist eine Neuauflage des orangenen Bündnisses zwischen Timoschenko und Juschtschenko denkbar. Gefordert ist dabei vor allem die Siegerin. Eine gereifte Timoschenko könnte, indem sie – vor allem im Kampf gegen die mächtigen Oligarchen – ihre Maximalforderungen mäßigte, zur Lichtgestalt einer demokratischen und freien Ukraine werden.

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