Abtreibung: Die Tragödie der Alicja Tysiąc

Die Polin Alicja Tysiąc hatte eine schlimme Wahl: Ohne Abtreibung drohte ihr die Erblindung. Am Ende hatte sie keine Wahl: Ärzte verweigerten den Schwangerscahftsabbruch.

„Sie ist eine Person, die ihre Kinder ermorden lassen will“, wetterte Roman Giertych, Rechtsaußen der polnischen Politik und Chef der katholisch-nationalistischen Liga Polnischer Familien (LPR). Der finstere Frontalangriff zu Frühjahrsbeginn zielte auf eine eher schüchtern wirkende Mittdreißigerin mit dickgläsriger Brille: Alicja Tysiąc hatte Mitte März vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg eine Entschädigung in Höhe von 25000 Euro dafür erstritten, dass ihr polnische Ärzte 1999 eine Abtreibung verwehrt hatten.

Ohne Abtreibung droht die Erblindung
Die stark sehbehinderte Frau war damals bereits zweifache Mutter. Und ihr Augenarzt warnte: Breche sie die (ungewollte) dritte Schwangerschaft nicht ab, drohe ihr die Erblindung. Die Gynäkologen, an die sich die verzweifelte Warschauerin daraufhin wandte, zögerten ihre Zustimmung zu der – eindeutig legalen – Abtreibung allerdings solange hinaus, bis die gesetzliche Frist verstrichen war. Tysiąc trug das Kind aus. Folge: Ihre Sehbehinderung verschlechterte sich dramatisch, eine spätere Erblindung ist weiterhin nicht auszuschließen.

Sieg vor Gericht — Anklagen in  der Öffentlichkeit
Das EU-Gericht beließ es freilich nicht bei dem Entschädigungsurteil. Die Straßburger Richter schrieben den Verantwortlichen in Warschau zugleich eine deftige Rüge ins Stammbuch: Wenn der Staat Abtreibungen zulasse, müsse er auch dafür sorgen, dass geltendes Recht umgesetzt werde, mahnten die Menschenrechtshüter. Die polnische Regierung reagierte empört, was dazu beigetragen haben mag, dass der Sieg vor Gericht für Tysiąc zu einer verheerenden Niederlage in der veröffentlichten Meinung wurde. Nicht nur Rechtsausleger Giertych, auch andere Politiker und zahlreiche Kirchenvertreter attackierten die alleinerziehende Sozialhilfeempfängerin scharf. Der Tenor dieser Angriffe war der gleiche wie jener zahlreicher Kommentare polnischer Medien, die Tysiąc vielfach mit ihrer jüngsten Tochter Julia zeigten und die Bilder mit der Bemerkung versahen, faktisch habe die Mutter gegen ihr Kind geklagt.

Zwei Drittel der Polen geben der „Rabenmutter” Recht
Tysiąc wehrte sich gegen die Aburteilung als „Rabenmutter“: Es sei ein gravierender Unterschied, ob man über einen wenige Wochen alten Fötus spreche oder über ein geliebtes Kind, argumentierte sie. Zudem habe sie bei der Abtreibungsentscheidung 1999 auch das Wohl ihrer beiden anderen Kinder im Auge gehabt, denen sie keine blinde Mutter sein wollte. Zwei Drittel der Polen geben Tysiąc laut einer Umfrage Recht: 66 Prozent der Teilnehmer bekundeten, dass sie den Richterspruch für gerechtfertigt halten.

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