Der Kämpfer aus der Kaschubei

Donald Tusk bleibt zwei weitere Jahre lang EU-Ratspräsident. Das entscheiden die Staats- und Regierungschefs gegen das Minderheitenvotum von Tusks Heimatland Polen. Ein Porträt, das auch erklärt, warum die PiS-Regierung den ehemaligen Premier nicht unterstützt hat.

Angela Merkel und Donald Tusk bei einer Pressekonferenz im Jahr 2013, als Tusk noch polnischer Premier war. (Foto: Kroekel

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Donald Tusk bei einer Pressekonferenz im Jahr 2013, als Tusk noch polnischer Premierminister war. (Fotos: Krökel)

Das Drama um seine Wiederwahl als EU-Ratspräsident dürfte Donald Tusk zumindest zeitweise in einen Déjà-vu-Zustand versetzt haben. Er sei ein „Kandidat der Deutschen“, wetterte Tusks langjähriger Erzrivale Jarosław Kaczyński kürzlich. Der Chef der rechtsnationalen PiS-Partei, die in Polen seit gut einem Jahr allein regiert, hatte schon im Wahlkampf 2005 mit einer Sensationsgeschichte über Tusks „Großvater in der Wehrmacht“ für Furore gesorgt und seither immer wieder gegen die „deutsche Art“ des großen Blonden aus Danzig polemisiert.

2005 verfing die Kampagne. Tusk, der tatsächlich gut Deutsch spricht, verlor zunächst gegen Jarosław Kaczyńskis Zwillingsbruder Lech die Präsidentenwahl und anschließend mit seiner liberal-konservativen Bürgerplattform (PO) auch die Parlamentswahl gegen die PiS. Dabei entpuppten sich die vermeintlichen Nazi-Enthüllungen schnell als Sturm im Wasserglas. Die Deutschen hatten Tusks Großvater Josef zunächst ins KZ gesperrt und ihn später für eine kurze Zeit unter Todesdrohung zu einem Fronteinsatz gezwungen. In Wirklichkeit hat die Familie Tusk auch keine deutschen Wurzeln, sondern stammt von kaschubischen Vorfahren ab, einer westslawischen Minderheit aus der Region westlich von Danzig, der Kaschubei.

Nach 2005 war der studierte Historiker Tusk als PO-Chef angezählt. Er taumelte, steckte letztlich aber alle Geschichtsklitterungen und persönlichen Angriffe weg. „Niederlagen können zerstören oder abhärten“, kommentierte er die Vorgänge später. Ihn hätten die Attacken „widerstandsfähig gemacht“. Das TV-Duell, das er sich vor der Wahl 2007 mit Jarosław Kaczyński lieferte, ist in Polen ähnlich legendär geworden wie der Wettstreit zwischen John F. Kennedy und Richard Nixon in den USA 1960. Nicht ohne gezielte Sticheleien, aber ruhig und souverän in Ton und Auftreten, zerlegte der Sympathieträger Tusk seinen Kontrahenten am Ende argumentativ. Die PO gewann die Wahl, und Tusk, der in diesem April seinen 60. Geburtstag feiert, regierte von 2007 bis 2014 als Ministerpräsident in Warschau, bevor er nach Brüssel wechselte.

Nehmerqualitäten hatte der Sohn einer Krankenschwester und eines Tischlers schon früh unter Beweis stellen müssen. Der Vater starb, als der junge Donald gerade die Grundschule beendete. Bereits als Jugendlicher engagierte sich Tusk in der antikommunistischen Opposition. Im polnischen Schicksalsjahr 1980 kämpfte er, kurz vor dem Examen, während des Danziger Solidarnosc-Aufstandes an vorderster Front: Er gründete das Studenten-Komitee der Gewerkschaftsbewegung und wurde in Straßenschlachten mehrfach verletzt.

1981 rief die kommunistische Führung in Polen das Kriegsrecht aus, die Wirtschaft lag am Boden. Von der Staatsmacht geächtet, hielt sich Tusk in den düsteren 80er Jahren als einfacher Fabrikarbeiter über Wasser und gründete mit seiner späteren Frau Malgorzata eine Familie: Das Paar hat einen Sohn und eine Tochter. Die Wende von 1989 erlebte Tusk in vor allem als Befreiung, nicht als nationale Wiedergeburt wie die Kaczynskis. Für Tusk tat sich vor allem eine europäische Perspektive auf. Er schloss sich den Liberalen an, wurde Parlamentsabgeordneter und Berufspolitiker.

Die Mitgliedschaft in der Freiheitsunion brachte ihm im krisengeschüttelten Polen der Transformationszeit allerdings den Ruf eines Marktradikalen ein, den er auch später, als Premier, nie ganz los wurde. Die notwendige Rosskur für die postkommunistische Wirtschaft, die von den Liberalen ins Werk gesetzt worden war, hatte zu viele Polen in neue Existenznöte gestürzt. Auf den Niedergang der Freiheitsunion reagierte Tusk, indem er 2001 die PO gründete, in der sich neben überzeugten Liberalen auch konservative Geister engagierten.

Wirtschaftswunderland Polen. (Fotos: Kroekel)

Wirtschaftswunderland Polen.

„Wir sind angetreten, um erfolgreiche Politik zu machen, keine Revolutionen“, sagte Tusk einmal über die Bürgerplattform, die er über viele Jahre hinweg mit einer Härte führte, die ihm seine Gegner meist nicht zugetraut hatten. Das war vermutlich auch eine Voraussetzung dafür, dass Tusk 2011 wiedergewählt wurde – als erster Premier im postkommunistischen Polen überhaupt. Seine siebenjährige Regierungszeit fiel mit einem Daueraufschwung zusammen, der Polen zum Wirtschaftswunderland des Ostens machte.

2010 erhielt Tusk in Aachen den Karlspreis für seine Verdienste um die europäische Einigung. Die EU lag dem ehemaligen Freiheitskämpfer immer am Herzen, und so war es nur logisch, dass er sich 2014 erfolgreich als Ratspräsident bewarb. Er konnte dabei tatsächlich auf die Fürsprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel vertrauen, mit der den „deutschen Kandidaten“ Tusk eine langjährige politische Freundschaft verbindet. Mit der Häme seiner Gegner hat er längst umzugehen gelernt.

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