»Wir wollen wieder mehr erziehen«

Weg mit den Gymnasien, her mit Gemeinschaftsschulen: In Polen wird so heftig über eine Schulreform gestritten, wie man es sonst nur aus deutschen Landesparlamenten und Lehrerzimmern kennt. Doch es geht um mehr als eine Systemänderung.

Mahnmal für die Opfer des Warschauer Aufstandes 1944: Polens Kinder sollen nach dem Willen der PiS-Regierung wieder mehr über die eigene Geschichte lernen. (Foto: Krökel)

Mahnmal für die Opfer des Warschauer Aufstandes 1944: Polens Kinder sollen nach dem Willen der PiS-Regierung wieder mehr über die eigene Geschichte lernen. (Foto: Krökel)

Katarzyna Lubnauer kennt sich mit der Chaostheorie bestens aus. Die Mathematikerin, die seit 2015 für die liberale Oppositionspartei Nowoczesna (Die Moderne) im Sejm sitzt, hat über Grenzwerte in der Quantenwahrscheinlichkeitstheorie promoviert. Derzeit sieht Lubnauer das Schulwesen in Polen in ein Chaos stürzen – und ruft zum Widerstand auf: „Ich bitte jeden, dem das Wohl unserer Kinder am Herzen liegt, sich dieser Reform zu widersetzen“, erklärte die Abgeordnete im Sejm.

Im polnischen Parlament stand in der vergangenen Woche die Erste Lesung eines neuen Schulgesetzes auf der Tagesordnung. Fünf Stunden lang lieferten sich die Abgeordneten eine leidenschaftliche Debatte. Bereits im Vorfeld der Beratungen hatte das Reformprojekt der rechtskonservativen PiS-Partei Massenproteste ausgelöst. In Warschau gingen Ende November mehrere Zehntausend Lehrer, Eltern und Schüler auf die Straße, um wie Lubnauer vor einem drohenden „Chaos in den Schulen“ zu warnen.

Andere Chancen der Einflussnahme sehen die Betroffenen nicht. Die regierende PiS, die sich in beiden Parlamentskammern (Sejm und Senat) auf absolute Mandatsmehrheiten stützen kann, lehnte eine Expertenanhörung zu ihren Gesetzesplänen ab. PiS-Bildungsministerin Anna Zalewska beharrt darauf, genau das Gegenteil von Chaos erreichen zu wollen: mehr Ordnung. „Wir wollen in unseren Schulen wieder mehr erziehen“, sagt sie.

Worum es bei der Reform zumindest vordergründig geht, das fassen polnische Medien in die für deutsche Ohren irreführende Formel von der „Liquidierung der Gymnasien“. Die PiS plant eine Vereinfachung der Schulstruktur. Sie will die Mittelschulen abschaffen, die in Polen Gymnasien heißen und die Klassen sieben bis neun umfassen.

Darauf aufbauend können Schüler nach geltendem Recht ein sprachlich-humanistisches Lyzeum oder ein Technikum besuchen und das Abitur ablegen (Matura) oder eine Berufsausbildung beginnen. Künftig soll es nur noch eine achtjährige Gemeinschaftsschule geben, an die sich der Besuch von Lyzeum oder Technikum anschließt (beziehungsweise eine Ausbildung). Das  Schuleintrittsalter soll wieder von sechs auf sieben Jahre angehoben werden, wie es bis 2012 üblich war. Vorgeschaltet wird ein Vorschuljahr.

„Die Gymnasien haben versagt“, urteilt Zalewska. Sie verweist auf Untersuchungen, denen zufolge eine längere gemeinsame Grundschulzeit größere Lerneffekte verspreche. Zudem fördere der Schulwechsel mitten in der Pubertät Mobbing und Gewalt. Die Ministerin begründet damit auch die Dringlichkeit des Projekts. Die Neuregelung soll bereits zum Schuljahr 2017/18 greifen, was vor allem Pädagogen auf die Barrikaden treibt. „Die Ministerin verbreitet Unwahrheiten“, erklärt Slawomir Broniarz, der Vorsitzende der Lehrergewerkschaft ZNP, und fordert: „Finger weg von den Gymnasien!“

Auch Broniarz fürchtet das Chaos. Tatsache ist: Die Kommunen als Träger der staatlichen Schulen müssen die Umsetzung im Eiltempo bewältigen. Aus Gymnasiallehrern werden von heute auf morgen Lehrer an Lyzeen/Technika oder an Grundschulen, womit Einkommenseinbußen verbunden sein können. Selbst Stellenstreichungen sind keineswegs ausgeschlossen, da Lehrer in Polen nicht verbeamtet sind. Die Reformkritiker führen die jüngsten Pisa- und Timss-Studien ins Feld, in denen Polen gut abgeschnitten hat. Ein Veränderungsdruck sei daraus nicht abzuleiten.

Die Bevölkerung ist in der Schuldebatte ähnlich gespalten wie bei vielen anderen politischen Themen, die das Land seit dem Regierungswechsel 2015 in Unruhe versetzen. Umfrage zeigen, dass sich Zustimmung und Ablehnung bei je 40 Prozent die Waage halten, während 20 Prozent der Bürger unentschlossen sind. Angesichts des uneinheitlichen Meinungsbildes ist es unwahrscheinlich, dass die Proteste die Reform zu Fall bringen – anders als bei den Plänen für ein totales Abtreibungsverbot, die der mächtige PiS-Chef Jarosław Kaczyński nach wochenlangen Demonstrationen von Frauen stoppte. „Ich bin mir der Unterstützung des Herrn Vorsitzenden [Kaczyński] sicher“, erklärt Ministerin Zalewska.

Bei genauerem Hinsehen führt die Systemdebatte ohnehin am Kern der PiS-Pläne vorbei. Das jedenfalls deutet Gewerkschafter Broniarz an, wenn er auf die angestrebte Änderung der Lehrpläne verweist. Zalewskas Konzept sieht eine Reduzierung der Stundenzahl in naturwissenschaftlichen Fächern zugunsten „nationalpolnischer“ Inhalte in den Bereichen Geschichte und Literatur vor. „Das ist ein gewaltiger Rückschritt“, sagt Broniarz und weiß sich darin mit der Mathematikerin Katarzyna Lubnauer einig. „Wir brauchen mehr Informatiker im Land, aber Sie wollen Geschichte unterrichten lassen“, warf die Oppositionspolitikerin der PiS vor.

Tatsächlich ist die Regierung der Kaczyński-Vertrauten Beata Szydło vor Jahresfrist angetreten, um eine geistig-moralische Wende einzuleiten und das nationale Erbe zu stärken, wie die Ministerpräsidentin nach ihrem Amtsantritt ankündigte. Vor allem in der Geschichtspolitik will die PiS neue Maßstäbe setzen. „Wir werden nur noch solche Projekte fördern, die Polen und der Welt von unseren Helden erzählen“, erklärte Szydło.

Kulturminister Piotr Gliński lancierte früh den Plan, die polnischen Staatsmedien in „nationale Kulturinstitute“ umzuwandeln. Das ursprüngliche Konzept für das in Danzig geplante Weltkriegsmuseum, dessen Kuratoren sich „die Präsentation des Krieges nicht nur als polnische, sondern als globale Tragödie“ auf die Fahnen geschrieben hatten, stellte Gliński auf den Prüfstand. Vor diesem Hintergrund spricht viel dafür, dass die Systemreform im polnischen Schulwesen nur der Auftakt zu einer inhaltlichen Neuorientierung ist.

 

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