Smolensk: Verschwörungstheorie wird zur Staatsräson

Polnische Ermittler planen sechseinhalb Jahre nach der Flugzeugkatastrophe von Smolensk eine Massen-Exhumierung der Leichen. Vor allem Ex-Premier Jarosław Kaczyński beharrt darauf, dass es sich nicht um ein Unglück mit 96 Toten handelte, sondern um einen gezielten Anschlag unter möglicher Mitwirkung des Kremls.

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Allerheiligen auf dem Warschauer Powązki-Friedhof. (Fotos: Krökel)

Der Herbst ist in der christlichen Tradition die Zeit einer besonderen Totenverehrung. Im katholischen Polen gehören Allerheiligen und Allerseelen am 1./2. November zu den wichtigsten Feiertagen überhaupt. Der Herbst ist in Polen aber auch die Zeit eines makaberen Schauspiels: Vom 16. Oktober an dürfen in der kalten Jahreszeit Leichen exhumiert werden. Meist geschieht dies vor dem ersten Frost. Manches spricht deshalb dafür, dass schon in den nächsten Tagen die sterblichen Überreste jener 96 Menschen ausgegraben werden, die im April 2010 bei der Flugzeugkatastrophe von Smolensk ums Leben kamen. Sie sollen erneut gerichtsmedizinisch untersucht werden.

Pünktlich zum Start der „Grabungssaison“ gab Jarosław Kaczyński am vergangenen Wochenende sein Einverständnis zur staatsanwaltlich angeordneten Exhumierung. Juristisch nötig war diese Zustimmung nicht. Mit Blick auf die prominentesten Toten von Smolensk, das Präsidentenpaar Lech und Maria Kaczyński, wollten die Behörden Kaczyński aber offenbar nicht übergehen. Keineswegs auszuschließen ist auch, dass die spektakuläre Aktion auf Betreiben des überlebenden Kaczyński-Zwillings stattfindet. Seit einem Jahr regiert seine rechtskonservative PiS-Partei in Warschau und hat die Generalstaatsanwaltschaft direkt dem Justizminister unterstellt.

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Jarosław Kaczyński.

Kaczyński, der seit dem Todestag seines Bruders Schwarz trägt, beharrt bis heute auf der These: „Es war Mord, ein unfassbares Verbrechen.“ Alle bisher abgeschlossenen offiziellen Untersuchungen zur Absturzursache gehen dagegen von einem Unglück aus. Die polnische Regierungsmaschine verlor demnach im dichten Nebel von Smolensk zu schnell an Höhe, streifte mehrere Baumwipfel und schlug unkontrolliert in einem Wald vor der Landebahn auf. Die entscheidenden Fehler beging der ungenügend geschulte Pilot. Eine Landung war bei den herrschenden Sichtverhältnissen ein Glücksspiel. Eine Mitverantwortung trugen aber auch die russischen Fluglotsen, die den miserabel ausgerüsteten Provinzflughafen hätten sperren müssen.

Allerdings handelten sowohl der Pilot als auch die Towerbesatzung auf Druck von höherer Stelle. Im Cockpit der Tupolew 154-M drängte der mutmaßlich angetrunkene Luftwaffengeneral Andrzej Błasik zur Landung. Die Präsidentendelegation war auf dem Weg nach Katyn, um dort der Opfer stalinistischer Massaker an polnischen Kriegsgefangenen im Jahr 1940 zu gedenken. Den Staatsbesuch zu verschieben, wäre einem Offenbarungseid gleichgekommen, denn der große Widersacher der Kaczyńskis-Zwillinge, der damalige Premier Donald Tusk, hatte sich in Katyn bereits drei Tage zuvor mit Kremlchef Wladimir Putin getroffen.

Genau an diesem Punkt setzt Jarosław Kaczyńskis Mordthese an. Immer wieder hat der Chef der rechtsnationalen PiS-Partei suggeriert, dass die Präsidentenmaschine Opfer eines Anschlags des russischen Geheimdienstes FSB geworden sei, mutmaßliche Drahtzieher: Putin und Tusk. Über Tusk sagte Kaczyński einmal: „Ich weiß nicht, ob der Premier mich auch umbringen will.“ Die Andeutungen lieferten früh den Nährboden für Verschwörungstheorien aller Art. Ein Drittel der Polen ist bis heute davon überzeugt, dass es sich um ein Attentat handelte, wahrscheinlich einen staatsterroristischen Akt.

Kaczyńskis PiS-Partei richtete früh eine eigene Untersuchungskommission zu der Smolensk-Katastrophe ein. Chefermittler wurde Kaczyńskis „Kettenhund“ Antoni Macierewicz, der als erzkonservativer Scharfmacher gilt. Unter Mithilfe dubioser Experten legte die Macierewicz-Gruppe ein Gutachten vor, das die Anschlagsthese beweisen sollte. Zusätzliche Argumente lieferte das Verhalten des Kremls. Die Regierung in Moskau weigert sich bis heute, das Wrack der Kaczyński-Maschine nach Polen zu überführen. Untersuchungen sind nur unter Aufsicht in Russland möglich. Als dabei im Herbst 2012 Hinweise auf TNT-Spuren an Wrackteilen auftauchten, war die Verwirrung perfekt.

Keine Frage: Es gibt diverse Ungereimtheiten bei den offiziellen Ermittlungen, die teils dilettantisch durchgeführt wurden. Klar ist aber auch, dass die Stimm- und Flugschreiber der Tupolew keine Explosion an Bord aufgezeichnet haben. Das allerdings interessiert Macierewicz nicht, der seit der Regierungsübernahme der PiS vor einem Jahr Verteidigungsminister ist, während Parteichef Kaczyński im Hintergrund die Fäden zieht. Seither entwickelt sich die Anschlagsthese immer mehr von der Verschwörungstheorie zur Staatsräson.

Auf Anordnung von Macierewicz werden bei jeder Veranstaltung, an der die Ehrenkompanie der polnischen Armee teilnimmt, die Namen der 96 „Gefallenen“ von Smolensk verlesen. Der Begriff suggeriert, die Opfer seien im Kampf für das Vaterland gestorben. In dieser Atmosphäre deutet manches darauf hin, dass die Exhumierung der Leichen vor allem propagandistischen Zwecken dient. Die sterblichen Überreste seien, so heißt es offiziell, die wichtigsten Beweismittel, solange sich das Wrack der Tupolew in Russland befinde. Dass die Untersuchung tatsächlich neue belastbare Fakten liefert, ist hingegen unwahrscheinlich.

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