Bollwerk gegen die Menschlichkeit

Der ungarische Regierungschef Viktor Orbán stellt sein Land gern als Bollwerk des christlichen Abendlandes gegen eine Invasion von Wirtschaftsflüchtlingen und islamistischen Terroristen dar. Seine Politik allerdings, die er sich am Sonntag vom Volk in einem Referendum nochmals bestätigen lassen will, hat mit christlichen Werten nicht das Geringste zu tun. Ein Kommentar.

Gegendemonstrant am Rande eines Neonazi-Aurmarsches in Warschau 2010. (Foto: Krökel)

Orbáns Ungarn ist überall in Europa: Protest in Warschau gegen den Missbrauch christlicher Werte durch rechte Politiker. (Foto: Krökel)

In die Präambel seiner neuen Verfassung ließ Orbán 2011 dezidiert den Stolz der Ungarn auf die christlichen Fundamente der 1000-jährigen Nation hineinschreiben. Die Realität sieht anders aus. Orbáns Ungarn ist ein mit Nato-Draht gespicktes Bollwerk gegen die Menschlichkeit und die Nächstenliebe.

Der autokratische Ministerpräsident lässt ja nicht nur Flüchtlinge monatelang einsperren, verprügeln oder von Hunden hetzen, wie Amnesty International soeben dargelegt hat. Nicht viel anders werden in Ungarn auch Sinti und Roma behandelt oder die Obdachlosen, die Orbáns Regierung per Gesetz aus zentralen Bereichen der Städte vertreiben ließ, an den Rand und damit dorthin, wo christliches Wirken erst beginnt.

„Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab“, heißt es in der Bergpredigt und: „Selig sind die Barmherzigen … Selig, die keine Gewalt anwenden.“ Von all dem ist Orbán so weit entfernt wie Donald Trump, dem Papst Franziskus vor einigen Monaten die Christlichkeit rundweg abgesprochen hat, völlig zu Recht übrigens.

Auch über Orbán ließe sich sagen: „Dieser Mann ist kein Christ.“ Und jeder Christ in Deutschland, Österreich, dem erzkatholischen Polen oder wo auch immer in der EU, der es mit der Flüchtlingspolitik des ungarischen Scharfmachers hält, der sollte sich noch einmal seines Glaubensbekenntnisses versichern und einen Blick ins Neue Testament werfen.

Es ist selbstverständlich, dass sich die eigenen Werte und Überzeugungen in der Politik nicht immer eins zu eins in konkretes Handeln umsetzen lassen. Kompromisse gehören zur Politik. Zudem gibt es Wertekonflikte und Dilemmata, für die es keine einfachen Lösungen gibt. Das gilt auch für christlich fundierte Politik. Das aber ist kein Freibrief dafür, sich als angeblicher Christ derart offen und gewissenlos in Widerspruch zu christlichen Werten zu begeben, wie Orbán dies tut – ausgerechnet im Namen der Rettung des christlichen Abendlandes. Das ist schändlich.

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