Scheiden täte allzu weh

Die Wahrheit liegt auf dem Platz, heißt es in der Fußballersprache. Anders formuliert: Trainingseindrücke, statistische Werte oder die schöneren Stimmen beim Absingen der Hymne zählen nichts, sondern nur Tore im Spiel. Auf politischem Feld ist es etwas komplizierter. Bestes Beispiel dafür sind aktuell die deutsch-polnischen Beziehungen.

Grenze

Deutsch-polnische Grenze bei Stettin. (Foto: Krökel)

Faktisch ist (fast) alles gut zwischen Deutschland und Polen, den beiden EU- und Nato-Mitgliedern im Herzen Europas. Seit dem Nachbarschaftsvertrag von 1991 hat sich eine enge Partnerschaft entwickelt. Man schaue nur auf die Wirtschaftsbeziehungen: Der Handel boomt und hat ein Volumen von fast 100 Milliarden Euro erreicht. Polen rangiert seit Jahren unter den Top Ten der deutschen Wirtschaftsparter. Umgekehrt machten die Exporte nach Deutschland 2015 gut ein Viertel des polnischen Außenhandels aus.

Dennoch! Seit in Warschau die nationalistische und deutschlandkritische PiS-Partei des Rechtspopulisten Jarosław Kaczyński regiert, durchschreiten die langjährigen Partner ein Stimmungstief. Besonders augenfällig wird so etwas naturgemäß vor großen Feiern. Und so wirken Deutsche und Polen, die in dieser Woche an 25 Jahre guter Nachbarschaft erinnern, wie ein missgelauntes Ehepaar bei der Silberhochzeit.

Wahr ist auch dies: In der Flüchtlingspolitik wollen die meisten Polen (unabhängig von der Parteizugehörigkeit!) etwas anderes als die Mehrheit der Deutschen, nämlich am liebsten gar keine Migranten. Umgekehrt hadert Berlin mit der antirussischen Militärpolitik, die Polen vor dem Warschauer Nato-Gipfel zur Schau stellt, während Kanzlerin Angela Merkel laut von einem gemeinsamen Wirtschaftsraum zwischen Russland und der EU träumt.

Ein Oldtimer aus der guten alten Zeit: Trabi in Warschau. (Foto: Krökel)

Ein Oldtimer aus der guten alten Zeit: Trabi in Warschau. (Foto: Krökel)

Von Scheidungsplänen zwischen Deutschen und Polen kann allerdings kaum die Rede sein. Und daran wird auch das EM-Spiel am Donnerstag nichts ändern. Es täte auch allzu weh, und zwar beiden Partnern – siehe oben: Wirtschaft und Handel. Aber auch darüber hinaus gilt, dass die Nachbarn ihre Stellung in Europa und damit in der Welt ohne den anderen nicht halten könnten.

Das hat sogar Kaczyński akzeptiert, der sich kürzlich – anders als viele andere Rechtspopulisten in Europa – laut zu Polens EU-Mitgliedschaft bekannte, obwohl sich seine Regierung gleichzeitig mit der Brüsseler Kommission heftig über die Grundprinzipien von Demokratie und Rechtstaatlichkeit streitet. Wohin dieser Streit führt, ist derzeit völlig offen. Sicher aber ist, dass die PiS nicht den britischen Europaskeptikern folgen und einen Polexit proben wird.

Kaczyński weiß, dass Polen nicht nur auf die direkte Milliardenförderung aus Brüssel angewiesen ist. Das Land in der Mitte Europas lebt in einem umfassenden Sinne vom freien Austausch mit seinen Nachbarn – in der Wirtschaft genauso wie in der Kultur und der Wissenschaft, in den Bereichen Technik, Verkehr und Infrastruktur und nicht zuletzt in Sicherheitsfragen. Und dasselbe ließe sich im Übrigen für Deutschland sagen. Wer glaubt, die Bundesrepublik könnte im 21. Jahrhundert als abgeschotteter Nationalstaat prosperieren oder nur existieren, der irrt auf ganzer Linie.

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