Sandkastenspiele

Angefangen haben bekanntlich immer die anderen. Das ist, wenn es zum Streit kommt, nicht nur bei Kinderspielen im Sandkasten so, sondern auch auf Ebene der Staaten. Das Nato-Großmanöver „Anakonda“, das am Dienstag in Polen begann, ist genau ein solcher Fall.

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Mulitnational: Nato-Soldaten in Brüssel. (Foto: Cihon)

Es gehe, heißt es bei der Nato, einzig und allein darum, den Verteidigungsfall zu proben. Wer der potenzielle Angreifer ist, ist auch klar: Russland, was aber in Nato-Kreisen niemand laut sagt, weil man sich damit den Vorwurf der Provokation einhandeln könnte. Auch das hat Sandkastenniveau. Was also soll das Ganze?

„Anakonda“ ist eine große Show, die zuallererst an das Publikum im östlichen Mitteleuropa gerichtet ist, insbesondere an die Polen und die Balten. In deren Ländern grassiert seit der Eskalation der Ukraine-Krise vor zwei Jahren eine real existierende Angst: die Angst vor einer russischen Militärinvasion.

Man kann das durchaus verstehen. Die Annexion der Krim trug den Charakter eines Angriffskrieges, wenn auch im Stil einer modernen, hybriden Kriegführung. Im ostukrainischen Donbass wiederholte sich das Szenario, und so stellen die Osteuropäer zu Recht die Frage: Wer kann garantieren, dass etwas Vergleichbares nicht in den baltischen Staaten mit ihren großen russischen Minderheit geschieht – oder im Zweifel sogar in Polen?

Antwort: die Nato. Die genannten Staaten gehören dem Bündnis seit vielen Jahren an, und laut Artikel 5 des Nato-Vertrages besteht im Fall eines Angriffs auf ein Mitglied eine Beistandspflicht. Das heißt nichts anderes, als dass die Nato ihre Mitglieder im Osten schützen muss. Russland würde es bei einem hybriden Angriff auf die Balten oder Polen also mit der gesamten westlichen Allianz zu tun bekommen.

Natürlich kann man sich fragen, ob die Nato-Staaten in einen Weltkrieg ziehen würden, um Riga zu verteidigen wie einst West-Berlin. Manches spricht für ein „Eher nicht“ als Antwort. Allerdings ändert daran kein noch so großes Großmanöver etwas. Bei „Anakonda“ handelt es sich deshalb um ein Sandkastenspiel im Monsterformat, das zu allem Überfluss den notorischen Propagandisten im Kreml die Chance gibt, mit dem Finger auf die anderen zu zeigen. In Brüssel weiß man das immerhin. In Warschau will man es nicht verstehen

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