Kostenlos, nicht wertlos

Wenn die Natur im Mai aus dem Vollen schöpft, dann blüht in Warschau alljährlich auch die Kultur auf. Idealtypisch sichtbar wird diese innere Verbindung zwischen dem Menschen und seiner Umwelt im Łazienki-Park im Herzen der polnischen Hauptstadt, dem Park der Königlichen Bäder.

Kultur kostenfrei, an jedem Sommer-Sonntag: Chopin-Konzert in Warschaus Königlichem Bäderpark. (Foto: Krökel)

Kultur kostenfrei, ab Mai an jedem Sonntag: Chopin-Konzert in Warschaus Königlichem Bäderpark. (Foto: Krökel)

Nicht weit vom prunkvollen Belvedere-Palast entfernt steht dort vor einer grünenden Wand teils jahrhundertealter Bäume das Chopin-Denkmal, umgeben von einem Meer aus Zuchtrosen, die ihrer Blüte entgegenfiebern. Doch das Monument, das den wohl berühmtesten polnischen Komponisten unter einem sturmumtosten Weidenbaum zeigt, ist nur das eine.

Das Entscheidende ist der Flügel, der dort, direkt neben dem Denkmal, ab Mai an jedem Sonntag aufgebaut wird, damit um 12 Uhr und noch einmal um 16 Uhr Pianisten von Weltrang die Etüden, Nocturnes und Mazurkas des Klaviervirtuosen darbieten können. Die Töne breiten sich dann wie ein Schallteppich über den Rosengarten aus, in dem sich die Menschen umso lieber niederlassen und der Musik lauschen, oft zu Tausenden – und niemand käme auf die Idee, auch nur einen Groschen Eintritt von den Zuhörern zu verlangen.

Ja, die legendären Chopin-Konzerte im Łazienki-Park sind für Besucher kostenlos, und das ist kein Einzelfall. Ebenfalls im Mai lockt die (heutige!) Nacht der Museen die Menschen zu rund 240 Veranstaltungsorten. Auch dann gibt es vielerorts Konzerte und Theateraufführungen zum Nulltarif. Der Eintritt in Museen und Galerien ist selbstverständlich frei, was allerdings für Warschau nichts Besonderes ist.

Die große Mehrzahl der Ausstellungsräume in der polnischen Hauptstadt kann man das ganze Jahr über an einem Tag in der Woche betreten, ohne einen Obolus zu entrichten. Das gilt für so herausragende Institutionen wie die Nationalgalerie Zecheta, das Nationalmuseum, das Zentrum für Zeitgenössische Kunst und selbstverständlich auch für das Chopin-Museum.

Die Kostenloskultur ist teilweise ein Überbleibsel aus realsozialistischer Zeit. Hinzu kommt, dass sich viele Polen trotz des jahrelangen Wirtschaftswunders einen (relativ) teuren Besuch im Museum oder Theater noch immer nicht leisten können. Vor allem aber zeigt die kulturelle Daueroffensive, welch hohen, monetär ohnehin kaum zu messenden Stellenwert die Kunst in Polen genießt.

Umso bedauerlicher ist es, dass viele Deutsche Chopin noch immer für einen Franzosen halten und bei „Quo vadis?“ bestenfalls an den Hollywood-Film von 1951 mit Robert Taylor, Deborah Kerr und Peter Ustinov denken, nicht aber an den zugrundeliegenden Roman des polnischen Literaturnobelpreisträgers Henryk Sienkiewicz.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *