Genius loci, oder: Die Magie eines Platzes

Mitunter häufen sich Zufälle derart, dass es kaum noch zufällig sein kann, sondern auffällig ist. Etwa so ist es mir zuletzt in Warschau ergangen, wo sich derzeit alles um den Plac Konstytucji zu drehen scheint …

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Kein Ort zum Verweilen: Beim Plac Konstytucji wärmen sich Passanten im Januar 2012 an einem Koksownik, einem gusseisernen Kohlekorb, wie er aus der Zeit der Kriegsrechtswinters 1981/82 bekannt ist. (Fotos/2: Krökel)

Ohne ersichtlichen Grund wollten sich plötzlich all meine Gesprächspartner, mit denen ich über die aktuelle politische Lage in Polen, über Gott und die Welt plaudern wollte, „irgendwo beim“ oder besser noch „auf dem“ Plac Konstytucji treffen, dem Verfassungsplatz.

Nun ist es nicht so, dass der Plac Konstytucji ein völlig abseitiger Treffpunkt wäre. Er befindet sich nicht weit entfernt vom monumentalen Kulturpalast und dem wichtigsten Verkehrsknotenpunkt der Stadt, dem Rondo Dmowskiego. Der Hauptbahnhof ist auch um die Ecke. Und dennoch! Es gäbe gefühlt 730 andere zentrale Orte in Warschau, an denen es sich nett plauschen ließe. Na gut, sagen wir 73. Plötzlich aber ist der Plac Konstytucji „in“.

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Blick in den Speisesaal der Milchbar „Goldenes Huhn“ am Warschauer Plac Konstytucji.

Natürlich ist er nicht wirklich „in“. Es ist ein eher trostloser Platz, eingerahmt von stalinistischer Prunkarchitektur. Viel Grau. Entstanden ist das Ensemble in den frühen 50er Jahren. Es gibt einige wenige Cafés und Restaurants, viele Läden (Mobilfunkanbieter, Nobeljuweliere, ein italienisches Schuhgeschäft – alles, was eine Hauptstadt so braucht) und in der Mitte einen großen Parkplatz, der die acht Fahrspuren der völlig überdimensionierten alten Paradestraße Marzalkowska zu einer Art Monsterkreisverkehr auffächert.

In dem Marco-Polo-Reisefüher „Warschau“, an dem ich einst die Ehre hatte mitzuarbeiten, finden sich die legendären Sätze: „Den Platz markieren drei hohe Kandelaber, die wie überdimensionierte Kerzenhalter aussehen. Wofür sie stehen, kann heute niemand mehr sagen.“ Tja, was man so schreibt, wenn man Reiseführer schreibt …

Wie dem auch sei, alles in allem ist der Plac Konstytucji kein Ort zum Verweilen oder gar Altwerden. (Obwohl der Platz, nebenbei bemerkt, zu meinen Lieblingsorten in Warschau zählt, aber das ist eine andere, längere, persönliche Geschichte.) Trotzdem wollen sich alle dort treffen. Warum bloß?

Nun, es kann wohl nur am Namen liegen. In diesen Wintermonaten, in denen sich die Polen um die Rolle ihres Verfassungsgerichts kesselflickermäßig streiten wie sonst nur über Fußball, scheint der ehrfurchtgebietende Name „Plac Konstytucji“ eine magische Sogwirkung auszuüben.

Dabei ist der Platz nicht etwa nach der historischen polnischen Mai-Verfassung von 1791 benannt, der ersten modernen demokratischen Verfassung im aufgeklärten Europa nach der Französischen Revolution, sondern nach dem realsozialistischen Grundgesetz von 1952. Ich sagte ja: Es ist ein trostloser Platz.

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